29. Juli 2010

Kitsch – Das soll was sein, ist aber nichts

Kitsch ist die Darstellung von etwas Großem mit unzureichenden Mitteln. Kitsch bedeutet vor allem ein Zuviel: „Das Zuviel an Gefühl in der Metaphorik, das gesucht Altertümelnde in der Wortwahl, als eischmeichelnde Seligkeit oder das Vorspiegeln einer real unerlebbaren Emotion.“ (Reinhard Jirg, Komponist).

Kitsch benutzt Klischees. „Gut dressiert wissen wir, dass unter weißen Haaren reiche Lebenserfahrung steckt, der Obdachlose ein großes Herz hat und Kinder immer die Wahrheit sagen. Dass die meisten auf diese Reize so gut dressiert sind, spart dem Autor und den Lesern Zeit und lästiges Nachdenken.“ (Angelika Leinen)

Ich habe es an mir erlebt, wie gut es funktioniert. Wie ich ausgeliefert vor dem Fernseher hocke, das Schiff eben versunken, und das Mädel liegt auf dem herumdümpelnden Klavier. Der junge Mann, den sie liebt, schwimmt, weil es auf einem schwimmenden Klavier eben keinen Platz für zwei gibt. Er sagt ihr, dass alles gut werden wird, und sein Hauch gefriert in der eiskalten Luft. Dann ist er tot. Mir kommen die Tränen – da nützt es gar nichts, dass ich die Register benennen kann, die James Cameron an mir gezogen hat: junger Mann liebt junge Frau, junge Frau soll anderen Mann heiraten, junger Mann ist arm, junge Frau ist aus reicher Familie, und so weiter. Alle Versatzstücke schon tausendmal dagewesen, der Film erspart mir weiteres Nachdenken, ich spüre gleich, woran ich bin. Aber weil es funktioniert mit den Gefühlen, gelten Titanic und Avatar nicht als Kitsch. – Das soll was sein, und es ist etwas.

(Siehe auch Angelika Leinen: „Wie man den Bachmannpreis gewinnt“ und Imke Elliesen-Kliefoth: „Bergauf beschleunigen“ und James Cameron: „Titanic“)

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28. Juli 2010

Umgebungen

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27. Juli 2010

Schund, Brainfuck, Kitsch und Experiment

Schund: Text, in dem es der Autor dem Leser zu leicht macht.

Brainfuck: Text, in denen es der Autor dem Leser zu schwer macht.

Kitsch: Text, der mit billigen Lockmitteln versucht, den Leser da abzuholen, wo er steht.

Experiment: Text, bei dem der Autor überhaupt keinen Wert darauf legt, dass der Leser etwas versteht.

(Diese recht praktikablen Literaturrandkategorien stammen von Angelika Leinen: “Wie man den Bachmannpreis gewinnt”, Heyne Verlag)

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26. Juli 2010

Menschliches 2

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25. Juli 2010

Wie kommt Angelika zu einem Schweineherzen? (Herz 3)

Letztes Wochenende wieder einmal Autoren-Partyszenario. Ich erzählte von der Szene mit dem Schweineherzen, an der ich eben arbeitete. Und da kam eine gute Frage: “Woher hat Angelika das Schweineherz?”

Ich antwortete: “Kein Problem. Findet die Party eben in einer Fleischerei statt oder das Thema der Party ist Schwein oder … ach, mir wird schon was einfallen.”

Nun. Wenn die Party in einer Fleischerei stattfindet, dann braucht Angelika einen persönlichen Bezug zum Fleischer, vielleicht ist sie die Freundin des Tochter des Fleischers. Und: Warum hält sie das Herz in Ihrer Hand? Nun, sie will wissen, wie sich ein Herz anfühlt. Ihr Leben dreht sich doch nur mehr um ihr Herz – um das, das in ihr schlägt, der Herzmuskel, der zu groß ist, und dann das Herz, das man ihr einpflanzen will, alles Herz bei ihr, in ihr … und ein Schweineherz ist dem Menschenherzen sehr ähnlich.

Über solche Dinge habe ich den Rest der Party nachgedacht. Als Autor ist mir auf Parties nie langweilig, ich habe ja immer etwas, das mich beschäftigt.

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24. Juli 2010

Wie mir Szenen begegnen (Herz 2)

Einmal ausgelöst, macht sich die Szene mit dem Herzen selbständig.

Jetzt ist auch der Fotograf da, der Angelika mitten in der Nacht fotografiert, betrunken, gerade von einem Fest gekommen, das Schweineherz in ihrer rechten Faust. Sein Blitzlicht macht sie blind für einen Moment. Sie stolpert weiter. Und da ist Timon, der Angelika zu der Party gefolgt ist. Er fühlt sich verantwortlich, will sie beschützen. Er schreit den Fotografen an, und der verschwindet im Dunkeln. Timon will Angelika das Herz aus der Hand nehmen, sie wehrt sich, es klatscht auf die Straße. Angelika bückt sich, hebt es hoch, drückt es sich an die Brust. Sie kommt Timon wie ein Kind vor, dem man den Teddy wegnehmen möchte, so weinerlich: “Ihr sollt mir endlich mein Herz lassen!”

Jetzt geht der zweite, der dritte Blitz des Fotografen los. Timon rennt zu dem Mann, verfolgt ihn, und als der Fotograf fällt, tritt Timon mit den Füßen auf ihn ein. Angelika kommt hinzu, sie atmet kurz, sie flüstert: “Bitte. Töte ihn nicht.”

Timon macht einen Schritt zurück. Bleibt erstarrt stehen. Angelika reicht ihm ihr Herz, er greift reflexhaft danach. Sie kniet sich neben den Mann. Bringt ihn in eine stabile Seitenlage. Sie sagt: “Wir rufen jetzt die Rettung.” und ist mit einem Mal wieder das vernünftige, besonnene Mädchen.

Timon tippt den Notruf in sein Handy, hält sich das Telefon an das rechtes Ohr, und mit der linken Faust umfasst er die Hohlvene des Herzens. So steht er auch noch da, als das Auto mit dem Blaulicht in die Straße eingebogen ist.

… und so weiter…

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23. Juli 2010

Wie mir Szenen begegnen (Herz 1)

Schweineherz. Quelle: graffiti-online.net

Schweineherz. Quelle: graffiti-online.net

Hier ein Beispiel, wie ich mich Szenen nähere. Es geht wieder um Angelika, das herzkranke Kind. Das seine Transplantation verweigert. Ich denke an das Verrückteste, das mir in diesem Zusammenhang einfällt.

Ein Schweineherz. Präziser: Angelika trägt ein Schweineherz. Noch präziser: Sie hält mit ihrer rechten Faust die Hohlvene umklammert, und das Herz schlägt bei jedem Schritt gegen ihr Bein. (So habe ich nun eine Anspielung, eine Referenz auf das schlagende Herz, für jenen Leser, der solches entdecken will.)

Das Bild drückt diesen Riss aus, der Angelika durchzieht: einerseits die Selbstbeherrschte, andererseits das Verrückte, das Todesnahe.

Das ist ein Bild, noch lange keine Szene. Ich brauche jemanden, der dieses Bild sieht (Timon, meinen Protagonisten). Ich brauche seine Schreibhaltung für die Szene. Und: es muss in den Roman hineinpassen, sonst wird es zum Darling.

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22. Juli 2010

Der erste Morgen

Mein erster Morgen
nach deinem Leben – hör doch,
das Nachbarskind lacht.

(Ich experimentiere gerade mit Haikus, die mein Protagonist für seine verstorbene Freundin schreibt)

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21. Juli 2010

Wie ich hineinschlittere

Ich will hier an Hand eines Beispiels beschreiben, wie leicht ich hineinschlittere.

Lassen wir es mit einer BBC-Fernsehdoku beginnen. Titel: “Bright Young People”. Thema: Zwanzigerjahre. London. Eine Gruppe junger Leute und ihre exzessiven Parties. Jung, wild, Geld, Drogen, und in jeder Geste eine Übertreibung. Ihre Leben wurden in Romane gegossen, die Romane verfilmt…

Diese Filmsequenz sehe ich mir wieder und wieder an. Mit Kopfhörern, laut, ich brauche jetzt das Trommelnde. Werde hineingezogen ins Rote, durch die tanzende, lachende Menschenmenge, trinkend und Kokain einsaugend, und mittendrin ist Nina, die Tanzende, die Zuckende, die ihre Arme um sich wirft. Ihr Kopf geht hin und her und scharf hinauf, jede Bewegungen an ihr beginnt so plötzlich und endet so abrupt, sie verharrt den Bruchteil eines Augenblicks – und dann weiter, und schneller und wieder. Sie sagt: “I’ve never been more bored in my life”, und jetzt geht es los in mir.

Ich mache Nina zu meiner Angelika, 13 Jahre, die ihre Herztransplantation verweigert. In den vorangegangene Kapiteln das zurückhaltende, tapfere Mädchen – jetzt, mit diesem Film, ist sie ausgerissen. Eine Nacht lang Party, ein paar Stunden normal sein. Pechschwarz geschminkt ihre Augen, ihr Haar in wirrer Dauerwelle, ein Kleid, das hoch über dem Knie aufhört. Und in ihrer Hand eine halbgeleerte Flasche mit blauer Flüssigkeit.

In diese Szenerie stolpert Timon – wie ein Fremder, der Angelika ausfindig macht, der ihr sagt: “Bist du verrückt? Das hält dein Herz nicht aus.”

Sie schaut ihn an, reißt die Augen auf, dass es stechend weiß wird inmitten ihrer schwarzen Schminke. Sie beugt sich zu ihm, nahe an sein Ohr. Sie sagt: “Krank bin ich vielleicht, aber tot noch nicht.”

Sie macht einen Schluck aus der Flasche. Ruckartig wendet sie sich ab, verharrt einen Atemzug lang mit dem Rücken zu Timon. Dann reißt sie die Arme empor und tanzt und schreit in den trommelnden Lärm: “Ich lebe! Ich lebe!”

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20. Juli 2010

Ein Lob für meinen Blog

Zu den Blogs, die mir auch sehr wichtig sind, ich schreibe meinen zwar nicht jeden Tag, soviel gibt es literarisch nicht zu berichten, aber doch fast und dann sehr lang und genau und diesen lese ich fast täglich, ist er doch sehr interessant und ziemlich einzigartig in der Blogszene und ich bedaure sehr, daß es ihn noch nicht vor dreißig Jahren gegeben hat, als ich zu schreiben begonnen habe und das, wie man das tut, noch ein sehr großes gut gehütetes Geheimnis war, die täglichen Tipps und Impressionen hätte ich damals sehr gebraucht, so denke ich, daß “Schreiben” für junge Autoren ein wahre Inspirationsquelle sein kann.

Kommentar von Eva Jancak vom 11. Juli 2010

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19. Juli 2010

Sommer

So viel Sommer liegt über der Stadt. Die Menschen drängen hinaus, ans Wasser, hin zur Sonne, in die Strandbars. Ich schreibe lieber daheim.

Nicht, dass mir der Sommer egal ist – ich werde über ihn schreiben, wenn es ein Kapitel nötig macht.

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18. Juli 2010

Der Moment, an dem ich mit dem Schreiben aufzuhören sollte

Dieser Moment, wenn ich nur mehr stumpf vor dem Laptop hocke. Wenn ich aufstehen sollte. Bewegung machen. Mit dem Kopf in andere Sachen eintauchen. Pause machen. Die Zeit sinnvoll nutzen.

Ich bin wirklich nicht gut darin, diesen Moment zu erkennen. Es liegt wohl daran, dass ich ihn nicht wahrhaben will, stundenlang manchmal.

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17. Juli 2010

Mitternachtsgefühl

In 51 Minuten wird Mitternacht sein, wieder einmal. Dann wird auch dieser Schreibtag verloren sein.

Vorhin noch, um halb neun Uhr morgens, was war das für ein sonniges Potential! Der ganze Vormittag lag mir zu Füßen, ich hatte keine Eile, hatte ja den ganzen Tag. Ich tat dieses und jenes. Guten Kaffee machen, frühstücken, E-Mails schreiben, Aktienkurse beobachten. Und dann in diese eine Romanperson hineinspüren, die mir schon seit Tagen den Weg versperrt…

Und jetzt ist er vorbei. Der ganze Tag. Was tun? Schlafen. Und mich auf den sonnigen Morgen freuen, der mir einen Schreibtag erschließen wird, mit allen Möglichkeiten bis Mitternacht – und darüber hinaus.

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16. Juli 2010

Auf der Suche nach Elisabeth H., Leiterin des Violanums

Noch spüre ich dich nicht. Was geht dir vor? Für deinen Vater warst du zu störrisch, zu schwach. Zu schöngeistig, nicht hart genug – nicht geeignet, das Hospital zu leiten. Dann wurdest du schwanger. Zwillinge. Vor deinen Augen hat man den Kindsvater erschossen – du hast ihn reanimiert, bis seine Rippen knackten. Nun warst du alleine. Mit zwei Töchtern.

Dein Vater liebte deine Töchter – sie durften alles, sie hatten die Kindheit, die dir verwehrt war. Und die eine, Isabella, die hatte dein Vater als Nachfolgerin auserkoren. Du? Ein Krankenhaus leiten? Niemals! Isabella sollte es übernehmen. Mit 21. Doch dein Vater wurde nicht alt genug, um das zu erleben. Und seither leitest du das älteste und reichste Spital Österreichs.

Nun bist du sechzig. Isabella hasst dich. Weil du ihr immer noch nicht Platz gemacht hast. Weil du dich immer noch dem letzten Willen deines Vaters widersetzt.

Was, Elisabeth, geht in dir vor? Du hast einen großen Plan. Den spüre ich in dir aufkeimen.

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15. Juli 2010

Da, horch!

Die Karpfen schlafen,
Das Wasser still geworden -
Da, horch, ein Kuckuck.

(Gonsui. Quelle: Haiku, Japanische Dreizeiler, Reclam. Seite 117)

Die Menschen schlafen,
Die Straßen still geworden -
Da, horch, ein Autor.

(Wollinger)

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14. Juli 2010

Zuerst zäh, dann flott: ein typischer Schreibtag

Ich stand zwar um acht Uhr auf, aber danach tümpelte ich doch nur herum, tat hier und dort das eine oder andere. Bis Mittag ging das so und sogar darüber hinaus. Allmählich stemmte ich mich gegen das Tagesende: heute würde nicht geschlafen, ehe diese eine Szene unter Dach und Fach wäre. Ich dürfte mir nicht entrinnen.

Zwar bin ich mit der Szene nicht fertig, aber ich habe einen guten Grund: die Szene anwuch an, wurde weit größer als geplant. Und zusätzlich, en passant sozusagen, schrieb ich eine weitere Szene.

Ich bemerkte, dass es umso flüssiger ging, je autobiografischer ich wurde. Sprich, je mehr Stücke aus meinem eigenen Leben ich in den Text pflanzen konnte. Dabei will ich auch morgen bleiben.

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