Artikel der Kategorie “Prosa”

(Kurzgeschichten und Textfragmente)

3. Juli 2010

Der Moment vor dem Unfall (Öl auf Leinwand)

Fotorealistische Darstellung einer Landstraße in leichter Linkskurve. Der Betrachter nimmt die Position des Autofahrers ein und blickt durch die Windschutzscheibe. Die Sicht ist klar, aber es gibt nichts zu sehen. Keine Autos, keine Menschen, keine Häuser, keine Wolken, keine Farben. Bloß einen Marillenbaum, rechts neben der Fahrbahn, mit hellrosa Blüten, jede Blüte ausgeführt. Die Tachometernadel steht auf siebzig. Die Hände des Betrachters umklammern das Lenkrad. Auf den grauen Handrücken das feine Geflecht aus dunkelgrauen Äderchen.


Entnommen der 1. Fassung meines momentanen Romanprojekts. Es findet in der jetzigen (7.) Fassung keinen Platz mehr.

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29. Juni 2010

Tod des Antiquitätenhändlers

Ich fuhr nach Wien, mit dem Zug. Zu Fuß durchquerte ich die Innenstadt und ging zum Antiquariat. Ein Geschäft mit zwei Schaufenstern. Ich drückte meine Nase an das Glas, meine Hände zu Scheuklappen, damit ich hineinsehen konnte. Polierte Biedermeierschränke. Gepolsterte Sessel mit geschwungenen Lehnen. Kleine Ölbilder mit dunklen Landschaften. Eine Vitrine mit bemalten Porzellanfiguren: ein Junge tollt mit seinem Hund umher – ich hatte nie einen Hund. Ein Mädchen spielt Laute – ich hatte nie ein Instrument erlernt; ein junges Paar verliebt auf einer Parkbank – ich hatte nirgends in diesem Schaufenster Preisschilder entdeckt. Ein Foto auf einem Tischchen. Metallrahmen mit schwarzer Schleife. Das Portrait eines Mannes im Pensionistenalter. An der Glastür das handgeschriebene »Wegen Trauerfalls geschlossen«, und dennoch unversperrt. Eine elektrische Klingel machte Lärm, auch als die Tür hinter mir ins Schloss fiel. Sofort stand die Frau vor mir.

»Wir sind geschlossen«, so sagte sie es.

Ich redete sie an, auf das, was passiert war, und sie erwiderte: »Was wissen Sie denn schon, wie das ist.«

»Glauben Sie mir, ich weiß es«, sagte ich.

Sie führte mich in das Büro. Gestreifte Biedermeiertapete mit Blumenmuster. Ein Stuhl aus geschwungenem mit Lederner Sitzfläche vor einem Biedermeiersekretär. Auf und zu so einem Tisch passt kein Laptop. Hier will die Feder in das Tintenfass getunkt sein, um Worte sind auf handgeschöpftes Papier zu kratzen. Blut hatte die Politur zerstört. »Der muss in die Werkstatt. Aber ich bin noch nicht soweit«, sagte sie.

Wir schwiegen eine Weile, gemeinsam.

»Ich bin noch nicht so weit«, sagte sie.

Sie zog eine leere Schublade aus dem Tisch. »Hier haben die Polizisten den Viola–Ring gefunden. Ein Ring! Was macht mein Mann mit einem neuzeitlichen Ring? Seine Welt ist das Biedermeier.«

Sie fügt ein »gewesen« an.

Das Schlimmste sei der Vorwurf. Sie stützte sich auf dem Sekretär ab, versehentlich auf dem Blutfleck. Sie riss die Hand hoch und legt sich die Finger sich an die Wange. „Mein Mann war doch niemals ein Hehler. Wir haben das gar nicht nötig.“

Ich fragte sie, was mit dem Fußboden war. Dort, wo der Teppich endete, war eine Stelle mit vier Schrammen im Parkett. Splittrige, helle Rillen. Ich beugte mich hinunter und fasste einen herausstehenden Splitter an. Sie sagte, dass sie sich diese Kratzer auch nicht erklären konnte. Es käme ihr vor, als hätte ein Tier seine Pranke ins Holz geschlagen.


Entnommen der 1. Fassung meines momentanen Romanprojekts. Es findet in der jetzigen (7.) Fassung keinen Platz mehr.

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26. Juni 2010

Die Schlacht (Öl auf Leinwand)

Sofort wird der Betrachter mit seinen Blick in das Zentrum getrieben, in das Getümmel aus Pferdeleibern, Reitern, Fußvolk und Leichen. So dicht, dass jeder Hieb einen Aufschrei hinterlässt, jeder Stich einen Blutschwall öffnet, jeder Schuss das Fleisch zerreißt. Es gibt kein Ausweichen mehr, bloß ein Aufbäumen und ein Hinabsinken. Hinter dem Getümmel ein Horizont aus Licht, der die hochgereckten Schwerter glänzen lässt, aber die Gesichter zu Schatten macht. Das ist das Licht der brennenden Stadt, und obwohl die ganze Stadt, ja die ganze Welt zu brennen scheint, reicht das Feuerlicht kaum über aufragenden Lanzenspitzen hinaus – denn von oben drückt dunkel durchwobener Rauch. In so einer Welt hätte eine Sonne gar keinen Platz. Denn das hier passt nicht in ein Tageslicht, aber eine Nacht will sich auch nicht recht einstellen. Und die Jahreszeit? Hier grünt nichts, hier welkt nichts mehr, und von einem Mantel aus Eis und Schnee ist auch nichts übrig.

Rechts oben, dem Bilderrahmen schon recht nahe, die Burg. Sie passt nicht recht in das Gemälde. Zu unversehrt überragt sie das Gemetzel. Monolithisch, wie aus einem einzigen Felsstück gemeißelt. Groß scheint sie zu sein, denn rund um sie ist nichts mehr übrig, das vergleichsweise Kleinheit aufzeigen könnte. So eröffnet sich dem Betrachter der Zusammenhang: erst wenn diese Burg zerstört ist, wird das Gemetzel in sich zusammen fallen.

Wenn sich der Betrachter nun noch etwas Zeit gibt und den Blick schweifen lässt, wird er auch jene zwei Figuren bemerkt, die links in den Vordergrund gesetzt sind. Vielleicht fallen sie deshalb nicht ins Auge, weil sie so unbehelligt wirken. Der ältere, hoch zu Ross, mit glänzendem Harnisch, mit ernstem, bärtigem Gesicht. Ihn rühren weder Pferdekadaver noch bleiche Menschenreste. Er gehört zu jenen, die schon dermaßen viel Schmerz in sich tragen, dass ihn das Leid der anderen nur schwerlich rührt. Sein Schmerz kommt mit jeder Bewegung, steckt in jedem seiner Gliedmaße. Von seinem Pferd wird er nur mit fremder Hilfe herabsteigen können. Er ist General der Schweden. Seine Geißel ist die Gicht.

Der andere, der jüngere, hat schulterlanges, lockiges Haar. Auch er trägt Schmerz in sich. Sein Gesicht ist glatt und grau, so wie ich es vom Spiegel kenne, morgens, wenn ich in meine Leere schaue. Ich hebe meinen Arm und deute zur Burg. Daraufhin hebt der General den Blick, doch ohne den Kopf zu bewegen. Jetzt die Detonation. Mauerwerk und Leiber spritzen empor, sind schwarze Punkte vor der Burg, die im hellen Licht zerbricht.


Entnommen der 1. Fassung meines momentanen Romanprojekts. Es findet in der jetzigen (7.) Fassung keinen Platz mehr.

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24. Juni 2010

Verweilen (Öl auf Leinwand)

Dieses Gemälde verlangt Zeit ab. Deshalb steht ein Sessel davor. Keiner, der zum Sitzen einlädt, sondern ein kantiger, aus unbehandeltem Holz gezimmert, ohne Krümmung, die sich dem Rücken anpasst. Wer hier Platz nimmt, der soll nicht ruhen, im Gegenteil, er soll sich das Bild erarbeiten, er soll dermaßen aufmerksam sein, denn jederzeit könnte etwas passieren. Ich hänge es in die Violagalerie. Gebe ihm dort einen eigenen Raum. Den Sessel schiebe ich so nahe heran, dass der Betrachter das Gemälde mit ausgestreckten Armen beinahe berühren kann. Aber eben nur beinahe. Der Raum ist weiß. Das Licht diffus, kommt von überall her, es gibt keine Schatten – denn hier drinnen ist jede Bewegung frei von allem. Frei von Schatten, frei von jedem Sinn – hier ist nichts, was Sinn verbreiten könnte. Es existiert nur Raum, Bild, Sessel. Und der Betrachter, der sich zum Teil von allem macht. Sobald er sich gesetzt hat, zur Ruhe gekommen ist und sich abgefunden hat, dass nichts werden kann – und ich meine: er hat sich wirklich damit abgefunden – da setzt Bewegung ein. Eine stille Bewegung, die er im Gesichtsfeld nicht recht lokalisieren kann. Es bilden sich Schattierungen, kontinenthafte Konturen, die aneinander vorbei driften.

Und dann der Moment, in dem das Bild ausufert.

Weil es frei ist, weil es keinen Rahmen kennt. Die Konturen schieben sich über die Leinwandkante zum Betrachter. Sie richten sich auf, formen Gestalten, winden sich glänzend empor, sie erschaffen sich Farben und mit jedem Atemzug wird es reicher. Die Formen gleiten ineinander über, umschließen mich, auf eine glatte, stille Art, und mein Herz – ich stelle es mir vor, wie es inmitten von alledem schlägt. Ich spüre etwas Wachsen, es könnte um mich sein, es könnte in mir sein. Oder ich, ich wachse in etwas hinein, in etwas, das anders ist. – Und schon fallen die Gestalten in sich zusammen. Sind am Boden nur mehr Überreste, die auf die Leinwand zurückgesogen werden und dort verschmelzen, als sei nie etwas gewesen. Raum, Bild, Sessel, ich. Weil ich es nicht geschafft habe. Weil ich nachdenken musste und das Nachgedachte niederschreiben musste.


Entnommen der 2. Fassung meines momentanen Romanprojekts. Es findet in der jetzigen (7.) Fassung keinen Platz mehr.

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30. April 2010

Gestrichenes Romanfragment, Teil III

(Dies ist die Fortsetzung von Teil 2)

Frauen sammeln Reisig, und Männer hacken das Holz zurecht. Für die Gehilfen des Priesters. Die errichten eilig den Scheiterhaufen für das Kriegerbegräbnis. Obenauf das arme Wesen, in Lammfell eingewickelt. Der Priester legt ein Schwert daneben, einen Schild, Brotfladen und Vorratsgefäße mit Getreide und eine Schale mit Birkenrindenschwelteer. Der Fürst presst sich seine Fäuste gegen die Wangen. Der Priester öffnet einem Hasen den Brustkorb, fingert das Herz heraus, schmiert sich Blut auf die Stirn, ja, die Götter sind gewillt, den Fürstensohn zu sich zu holen! Er spricht seine Beschwörungsformeln, ganz leise seine Stimme, denn der Fürst hat befohlen, dass seine Frau nichts davon merken darf. Der Scheiterhaufen wird entzündet, Rauch umhüllt das arme Wesen, das Holz knackt, erste Flammen züngeln empor. Der Fürst schließt die Augen, für einen Moment nur, aber sofort sind die Erinnerungen da und die Gesichter und die Blicke vor dem Getötetwerden und die brennenden Hütten. Der Fürst zwingt sich, die Augen offen zu halten. Alles kann noch gut werden, sagt er sich. (Hier weiterlesen)

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29. April 2010

Gestrichenes Romanfragment, Teil II

(Dies ist die Fortsetzung von Teil 1)

Der Fürst befiehlt Osobo, seinem zweitgeborenem Sohn, im Wald vor der Siedlung mit den Kriegern in Stellung zu gehen. Der Fürst selbst hetzt sein Pferd vom Hügel hinab, weiter durch den Auwald und den Fluss entlang, bis er das Lager erreicht. Er springt ab und betritt das Fürstenzelt. Dunkelheit. Schweiß und Rauch. Schemenhaft der Hirschenthron mit dem Geweih eines Vierzehnenders. Seine Waffen. Auf einem Tabernakel die tönerne Schale mit dem Birkenrindenschwelteer, erhitzt von einer kleinen Flamme. Auf dem Boden stehen kleine Figuren aus Holz, Stein, Knochen. Der Priester hat sie angeordnet, in jener Konstellation, die er letzte Nacht vom Sternenhimmel abgelesen hat. (Hier weiterlesen)

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28. April 2010

Gestrichenes Romanfragment, Teil I

(Dieser Text stammt aus dem Jahr 2004 und war als Vorgeschichte zum Roman „Die Archäologin“ angedacht. Die Personen: Der Fürst eines Reiterheeres, das aus dem Osten kommt; Acheio, sein ältester Sohn; Osobo, sein zweitgeborener Sohn. Die Handlung spielt im Jahr 1044 v.Chr. Der Fürst ist eben dabei, eine ihm fremde, bronzezeitliche Siedlung im östlichen Weinviertel zu erobern.)

Dem Fürsten steht eine gebückte Frau im Weg. Zerbrechliche Statur, das Kleid aus grobem Stoff, ihr Stock ragt über sie hinaus. Die Haare silbrig, die Augen hell. Sie versperrt dem Fürsten und seinen Kriegern den Weg durch das Tor. Er gibt dem Pferd die Sporen, das Pferd scheut wie vor einer Schlange, ein Wiehern wie ein Schrei. Der Fürst kommt der Alten nahe, so nahe es das Pferd zulässt, und ruft: „Aus dem Weg!“

Sie verharrt unbewegt, das Pferd bleibt unruhig. Sein Fell fühlt sich nass an.

„Fort mit dir!“, ruft der Fürst, „Oder willst du sterben?“

„Ja“, sagt sie, geflüstert. Sie hebt den Kopf, schaut zum Fürsten herauf. „Sobald meine Zeit gekommen ist.“

Das Pferd bäumt sich auf, der Fürst reißt die Zügel zurück, die Trense schneidet sich in sein Maul, endlich hört es auf, umherzutänzeln.

„Warum bist du hier?“, fragt der Fürst.

„Ich kämpfe.“

„Mit deinem Stock also kämpfst du gegen uns?“

Die Alte schüttelt den Kopf und sagt: „Ich kämpfe für das Leben deiner Frau.“

Sie schließt die Augen.

(Teil 2 folgt morgen)

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24. April 2010

Der Hochzeitsleser

Folgende Rede hielt ich 2002 auf einer Hochzeit:

Die Braut hat mich gebeten, dass ich heute für ihre Hochzeit etwas Selbstverfasstes lese.

Das möchte ich nicht tun.

Bitte, meine Damen und Herren, nehmen Sie das gelassen hin. Ich will es begründen.

(Hier weiterlesen)

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25. März 2010

Ich werde Ihnen heute sagen, wie ich schreibe.

Mein Name ist Thomas. Ich bin Autor. Ich werde Ihnen heute sagen, wie ich schreibe.

Übrigens: nichts von dem, was ich hier sage, steht auf den Zetteln, die Sie ausgeteilt bekamen. Darum, heben Sie die Köpfe und sehen Sie mich an. Hören Sie mir gut zu. Denn ich sage Ihnen jetzt, wie ich schreibe.

Ich schreibe, indem ich anfange.

Weil, mit irgendwas muss man doch anfangen!
Mit zwei Menschen vielleicht.
Die setze ich nebeneinander. In einen Panzer. Oder an den Frühstückstisch. Ich will über das Frühstücken schreiben. Mehr Ideen habe ich nicht. Aber ich könnte weiter nachdenken.

Frühstück 1967 in einem Panzer im Sechstagekrieg.
Oder in einem Siebzigerjahre-Wohnblock in Graz.

Das in Graz ist besser. Denn ich habe gelernt, dass man nicht immer wie wild töten muss, um beim Leser was zu bewirken. Aber wie wild ficken, das muss man in einem Roman. Außer natürlich, es ist vom Krieg die Rede. Die meisten Bücher in Österreich haben was mit dem Krieg zu tun, darum wird so wenig gefickt.

Merken Sie, wie ich mich winde, um nur ja nicht mit dem Schreiben zu beginnen? Wie ich abschweife? Als Autor bin ich die meiste Zeit damit beschäftigt, abzuschweifen. Ich denke an alles Mögliche, damit ich mich nur ja nicht dem Wesentlichen stellen muss.

Ich zwinge mich zurück zum Frühstück. 2 Menschen also. Was für Menschen? Das muss ich doch wissen, als Autor, oder? Mann und Frau meinetwegen. Sie ist gut gelaunt, denn sie hat einen jüngeren Liebhaber. Er aber ist Autor.

Und jetzt? Keine Ahnung! Die Leute fragen mich immer, wie ich das alles so durchkonstruiere in meinen Romanen, aber da ist nichts Konstruiertes, das ist alles nur passiert, das passiert in meinem Kopf und immer wieder und hört nicht auf. Mein Schreiben ist dann gut, wenn es bloßes Beobachten ist. Und so beobachte ich die beiden und schreibe auf, was beim Frühstück passiert, während ich darüber schreibe.


Entstanden für eine Lesung/Aufführung Theater im Stockwerk in Graz – Kollegen des Improvisationstheaters unterbrechen die Lesung und führen den Text spontan weiter

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24. März 2010

Kerstin küsst den Winter

Kerstin öffnet die Augen, bevor Papa sie geweckt hätte. Denn draußen passiert etwas. Etwas weiches, sanftes. Grau ist der Morgen, aber für so etwas Wunderbares braucht es keine Sonne! Der Schnee ist gekommen. Als Papa hereinkommt, um sie zu wecken, steht Kerstin längst am Fenster und drückt die Nase an die Scheibe.

„Hörst du das?“, fragt Kerstin.

„Was denn?“, fragt Papa.

Papa stellt sich hinter sie, legt seine weichen Hände auf ihre Schultern.

„Der Winter ist gekommen“, sagt sie.

Dann Frühstück und Strumpfhose und dicke Hose und dicker Pullover und dicke Jacke und Schal und Haube und Handschuhe und endlich draußen! Schule? Nein, jetzt keine Zeit, jetzt ist Winterzeit! Jetzt muss watteweicher Schnee durchwatet werden, jetzt müssen die Handschuhe fort, damit Flocken auf der Hand landen, frei dahinschmelzen können. Jetzt will sie die Stille hören, die sich mit der weißen Decke über die Stadt legt. Jeden Schritt genießen, denn jeder Schritt hinterlässt eine Spur. Das ist so anders als im Staubsommer.

Sie kommt am Park vorbei, wo Schneepolster auf den Schaukeln bereit liegen. Die Sandkiste ist schon eine Schneekiste, das Holzpferd ein Eisbär, das Holzhaus ein Iglu. Sie öffnet das Tor zum Spielplatz, ein Quietschen wie aus Sommertagen, doch keine Kinder, die ihr den Platz auf der Schaukel streitig machen könnten. Danke, Winter! Sie setzt sich auf ihre Lieblingsschaukel, die Metallkette ist kalt, sehr kalt, das mag sie, und die blöden Handschuhe hat sie ohnehin schon irgendwo am Weg verloren. Sie wippt vor und zurück. Dabei sieht sie auf die Schule gegenüber vom Spielplatz. Ihre Schule. Die Fenster leuchten gelb und drinnen gehen Gestalten auf und ab. Kerstins Lehrerin wird jetzt schon fragen, wo denn die Kerstin geblieben ist. Kerstin knöpft sich den Mantel auf, und der Schal … es ist so frisch, hier kann sie so herrlich atmen, der Winter hat das Leben und die ganze Welt so neu gemacht. Danke, Winter!

Sie will den Winter umarmen und presst sie ihre Lippen an die Metallkette der Schaukel. Das schmeckt nach nicht viel, vielleicht nach Wassereis. Und irgendwann bemerkt Kerstin: die Kette hält ihre Lippen fest. Sie ist angefroren.

Küssen, denkt Kerstin, das schmeckt ein bisschen süßlich, fast wie Blut.


Entstanden am 1.11.2008 in der Texthobel-Schreibwerkstatt für Kinderbuch und Jugendliteratur, geleitet von Saskia Hula. Jugendliteratur folgt ganz anderen Gesetzmäßigkeiten, wie ich von Saskia gelernt habe. Sie meinte zu meinem Text, dass das Ende nicht kinderbuchtauglich sei und ab “Sie will den Winter…” zu kürzen wäre. Das stimmt, finde ich.

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12. November 2009

Heydrich und Eichmann sitzen am Ufer des Wannsees

1942. Heydrich und Eichmann sitzen am Ufer des Wannsees. Sie tragen ihre SS–Uniformen. Sie sehen hinaus auf die Nebelschlieren über dem Wasser. Sie rauchen. Sie frieren leicht.

Heydrich: Das ist noch nicht gut so.

Eichmann: Was meinst du?

Heydrich (hält ein Blatt Papier in der Hand): Dein Entwurf für das Protokoll. (liest vor) Dem Wunsch des Reichsmarschalls, ihm einen Entwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Belange im Hinblick auf die Endlösung der europäischen Judenfrage zu übersenden, erfordert … (schaut auf) Wie das klingt!

Eichmann: Du sollst meine Worte nicht immer aus dem Kontext reißen! Der Satz geht weiter (zitiert aus dem Gedächtnis) … erfordert die vorherige gemeinsame Behandlung aller an diesen Fragen unmittelbar beteiligten Zentralinstanzen in Hinblick auf die Parallelisierung der Linienführung.

Heydrich: Das ist zu kitschig. Was wir tun, braucht neue Sprache.

Eichmann: Immer geschieht alles bei dir nach Lust und Laune. Das macht mich betrübt.

Heydrich: Sei dualer! Sei wie Teilchen und Welle.

Eichmann: Wie genau?

Heydrich: Finde eigene Worte.

Eichmann: Ich bin ein Mann der Zahlen, nicht der Gefühle.

Heydrich: Ach Adolf, klar hast du Gefühle. Du brichst zusammen, wenn du ein Lager schon von weitem riechst. Hast eine empfindsame Seele, verleih ihr Worte!

Eichmann: Meine Worte sind immer nur Versuche.

Heydrich: Es wird! Es wird!

Eichmann: Ich muss mein Herz üben.

Heydrich (springt auf und springt umher): Ganz famos! Und weiter?

Eichmann: Alles springt … alles entspringt allem und jedem. Der Jude aber wird nicht die europäischen Völker ausrotten.

Heydrich: Lass die Juden weg. Ihre Frage ist seit heute beantwortet.

Eichmann: Du meinst …  alles entspringt allem und jedem und rottet sich zusammen?

Heydrich: Der Klang, er ist gefunden! Nun bist du bereit zu verstehen. (Zieht weiteres Blatt aus seiner Uniformjacke. Er liest vor) In Lust und Laune, Welle und Teilchen / Und ich steh in der Gegend / Plump, betrübt, hilflos, verliebt. – gezeichnet Reichsmarschall Göring.

Eichmann: Mein Gott.

Die beiden Männer schauen schweigend in den See.


Dieser Text entstand in der Lyrik-Schreibwerkstatt von Silvia Waltl. Die Aufgabe lautete, eine Paraphrase zu einem Gedicht zu schreiben. Ich wählte folgendes Gedicht von Angela Krauß:

Ich muss mein Herz üben !
Alles entspringt allem und jedem
und rottet sich zusammen
in Lust und Laune, Welle und Teilchen
und ich steh in der Gegend :
plump, betrübt, hilflos, verliebt.

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7. November 2009

Der Wolf und das Schaf

Silvester rannte, weil er nicht auf eine Straßenbahn warten wollte. Er rannte alle drei Stockwerke hinauf, weil ihm jetzt der Aufzug zu langsam war. Er drückte die Klingel, so lange und so fest, bis Papa die Tür öffnete.

„Was ist denn mit dir los?“, fragte Papa.

Silvester keuchte und rief: „Ich bin endlich in der Bande vom Kowalski.“

Papa gab Silvester einen Kuss auf die Stirn, streichelte ihm über die Wange und sagte: „Toll.“

Im Vorzimmer ließ Silvester seine Schultasche zu Boden gleiten. Dann hüpfte er in das Wohnzimmer zum gedeckten Esstisch. Er setzte sich, und da trug Papa schon die dampfende Schüssel herein. Überbackener Nudelauflauf. Papa hatte die weiße Schürze umgebunden, die ihm Silvester zu Weihnachten bemalt hatte. Mit Schwein, Kuh, Würstel und mit einem Brokkoli.

Ein Brokkoli ist leicht zu zeichnen, wenn man einen Baum zeichnen kann. Auf Papas Schürze waren noch ein Wolf und ein Schaf. Ein Schaf ist leicht zu malen, wenn man eine Wolke zeichnen kann. Nur ein Wolf ist schwierig, weil der leicht wie ein Hund aussieht.

Beim Essen fragte Papa: „Und, was war heute los in der Schule?“

»Papa. Ich bin in der Bande vom Kowalski.«

»Das ist ja toll«, sagte Papa und kaute an einem Brokkolibäumchen. »Und, was für eine Bande ist das?«

Silvester beugte sich über seinen Teller und sagte: »Das ist geheim.«

»Und was macht ihr in eurer Bande?«

»Das ist geheim«, sagte Silvester.

»Oh«, sagte Papa. Er spießte ein Stück Wurst auf und legte es auf Silvester Teller. Silvester fand dafür etwas Grünes für Papa.

»In der Bande haben wir einen Geheimsatz«, sagte Silvester. »Nur wer den Geheimsatz kennt, der darf mitmachen.«

»Und wie lautet euer Geheimsatz?«, fragte Papa.

Silvester überlegte. Er konnte Papa doch unmöglich den echten Geheimsatz sagen! Deshalb sagte Silvester: »Der Wolf hat das Schaf erschreckt.«

»Warum hat er das getan?«, fragte Papa.

»Wer?«

»Der Wolf.«

»Papa, das mit dem Wolf ist egal. Es ist halt irgendein Satz, den der Kowalski erfunden hat.«

»Ich werde den Satz auch nicht weitersagen«, flüsterte Papa.

In der Nacht hatte Silvester einen Piratentraum. Er war wieder einmal der böseste Pirat des Meeres. Nach einem wilden Raubzug segelte er zurück in seine Piratenbucht. Auf dem Landungssteg stand schon Kowalski. Ihm musste Silvester den geheimen Satz sagen, damit er das Piratenland betreten durfte.

Silvester sagte: »Der Wolf hat das Schaf geneckt.«

Kowalski schüttelte den Kopf. Silvester wurde heiß.

Silvester sagte: »Der Wolf hat das Schaf entdeckt.«

Kowalski schüttelte den Kopf. Silvester brach der Schweiß aus.

Silvester sagte: »Der Wolf hat das Schaf geweckt.«

Kowalski schüttelte den Kopf, und aus dem Piratentraum wurde ein Drachentraum. Kowalski verwandelte sich in einen roten Feuerdrachen und jagte Silvester durch dampfende Brokkoliwälder, zur Strafe dafür, dass er den Geheimsatz vergessen hatte. So lange, bis Papa Silvester mit einem Kuss aufweckte und damit vor Kowalskis Rache rettete.

Silvesters Pyjama war nass geschwitzt. Blöd auch, dachte Silvester. Dass ich im Traum den richtigen Satz nicht rausgekriegt habe. Am besten, werde übe den Satz noch etwas.

Heute gab es Frühstück zu dritt, denn Rolf war da. Rolf war Papas Freund seit letzem Jahr. Manchmal arbeitete Rolf abends recht lange und kam erst, wenn Silvester schon schlief. Papa aß sein Marmeladebrot. Rolf teilte mit Silvester sein gebratenes Spiegelei und einen Streifen vom knusprigen Speck. Silvester aß und übte murmelnd den Geheimsatz.

»Hmm, was meinst du?«, fragte Rolf.

»Das ist geheim«, sagte Silvester.

»Sehr geheim ist das«, sagte Papa und holte einen weiteren Klacks Marmelade aus dem Glas.

Silvester murmelte weiterhin. Beim Anziehen. Im Stiegenhaus. In der Straßenbahn. In der anderen Straßenbahn, weil er eine Station zu früh ausgestiegen war. Auf dem Gehsteig vor der Schule. In der Aula, wo die Mädchen zu ihm herübersahen, weil er mit sich selbst redete.

Da packte ihn jemand von hinten am Arm. Kowalski. Er zischte: »Wie lautet der geheime Satz?«

Silvester flüsterte: »Rolf hat sich im Schlaf gestreckt?«

»Hm«, sagte Kowalski. »Und ich habe mir echt eingebildet, es war irgendetwas mit einem Fuchs.«


Diesen Text schreib ich am 22.3.2009 in der Kinderbuch–Schreibwerkstatt des Texthobels, geleitet von Saskia Hula.

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26. Oktober 2009

Hochzeitsansprache

Folgende Rede hielt ich 2009 auf einer Hochzeit:

Alexander ist ein Mann.

Ja, Sie lachen! Aber: das hier ist keiner dieser leichten Scherze, die man so macht, bei Hochzeiten – da lädt man sich jemanden ein, und der soll etwas Anstößiges erzählen, man ist ja ach so aufgeschlossen! Und man möchte das Gesicht der Eltern beobachten, wenn das eine oder andere über den Bräutigam behauptet wird, rein um zu provozieren.

Aber das hier ist nicht witzig. Denn was bitte sehr soll witzig daran sein, ein Mann zu sein? Stellen Sie sich das vor, was ein Mann so tut, wenn er alleine ist – nein, gar nicht den ekeligen Akt als solchen, es reicht das Nachher, wenn dieser Mann mit klebrigen Fingern auf die Laptoptastatur greift, um das Video zu schließen. Sie sehen, das hat nichts Witziges.

Ah! Allmählich sickert es in Ihre Köpfe, nicht wahr?
(Hier weiterlesen)

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15. Juli 2007

Kriminacht in Palermo

2007 wurde ich eingeladen, in Palermo eine Lesung zu halten. Die Eindrücke dieser Lesereise wurden in Wienlive (Ausgabe Juli 2007) veröffentlicht.

Der Artikel enthält übrigens meine ersten veröffentlichten Fotos :-)

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31. Mai 2006

Beschreibung des Seminarraums der Leondinger Akademie für Literatur

Sehr geehrte Frau Mutter, weil Sie anfragten, wie es mir hier erginge, will ich Ihnen die Räumlichkeit schildern, in der wir Literaten arbeiten. Es ist ein Dachboden in einem alten Haus. Wände gibt es nur vorne und hinten, sonst zu beiden Seiten bloßes Schrägdach, das oben an der Firstlinie so hoch ist wie drei Mann, die übereinander stehen, der untere, Frau Mutter, muss ein breiter, kräftiger Bursche sein, damit er das Gewicht der beiden anderen stemmen kann, und der oberste, so ein dünner Junge, der kann sich schon mit seinen Handflächen links und rechts abstützen. Die drei können allerdings nicht auf und ab gehen wie sie es vielleicht in der Manege tun, denn hier gibt es Querbalken. Die sind auf Bauchhöhe des mittleren Mannes, viele sind es, bloß einen Schritt voneinander entfernt. Über meinem üblichen Arbeitsplatz in der Mitte des Raumes gibt es einen Querbalken, also Frau Mutter, der ist gefährlich, denn da ragt eine gemeine Schraube heraus, und wenn die drei Männer gerade vor diesem Balken stünden und der Stemmer – Gott bewahre! – etwas nur ins Wanken käme und der mittlere am Holz Halt suchte und die Schraube übersähe, oder stellen Sie sich vor, der Mittlere sähe die Schraube sehr wohl, doch von der wankenden Last auf seinen Schultern vorwärts gedrückt müsste er zusehen, wie die Schraube mit ihrem stumpfen Ende durch den eigenen Nabel gedrückt würde, aber der Mittlere darf nicht nachgeben denn der, den er trägt, ist sein Bruder, und er liebt seinen Bruder, aber die Schraube ist so tief in seinem Bauch, dass er es kaum noch aushält und der unterste, der Stemmer, der spürt, dass es dem über ihm schlecht ergeht, und der über ihm ist sein Bruder und auch er liebt seinen Bruder, er weiß aber nicht, dass sich das Gedärm des geliebten Bruders an der Schraube verhängt hat, also der Stemmer macht das, was er üblicherweise tut, wenn die Kräfte nachlassen: er geht in die Knie.

Werte Mutter, es gibt auch noch eine besondere Türe hier drinnen, sie befindet sich auf Höhe der Querbalken. Würde man unachtsam durch sie hereintreten, man würde so tief fallen wie der oberste der drei Brüder. Aber wenn man vorsichtig ist, dann kann man von dieser Türe mit einem großen Schritt gleich auf dem ersten Querbalken steigen und könnte von Balken zu Balken weitergehen, bis man jenen Balken erreicht, wo die gemeine Schraube herausragt. Und wenn man sich bückt – nur nicht das Gleichgewicht verlieren! – dann kann man den Darm von der Schraube ziehen, damit der Doktor, der unten beim mittleren Bruder kniet, den Darm in den Bauchraum zurückstopfen kann.


Entstanden im Rahmen der Leondinger Akademie für Literatur am 31.5.2006. Die Aufgabe, die Gerd Jonke stellte, lautete: Irgendetwas ist so zu beschreiben, dass es am Ende der Beschreibung als etwas ganz anderes erscheint.

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11. April 2006

Der rote Pullover (über die Liebe)

(1)

Von all den Männern, die Mama hatte, war ihm Onkel Hans am liebsten. Dominik war sechs, als er ihn kennen lernte. Mama brachte ihn eines Abends heim und sagte: “Das ist Hans. Jetzt ist er dein Onkel.”

“Was ist mit Onkel Franjo?”, fragte Dominik.

Onkel Hans beugte sich herab und streckte Dominik die Hand hin. Eine große Hand war das. Dominik griff nach dem Daumen. Mama ging in die Küche. Onkel Hans stand Dominik gegenüber. Sie schwiegen und schauten einander an. Dann sagte Dominik: “Du bist ja auch dick.”

“Ich bin rund”, sagte Onkel Hans.

Dominik sagte: “In der Schule sagen sie Kugel zu mir.”

Sie schwiegen und schauten eine Weile.

“Du hast einen schönen Pullover”, sagte Dominik.

“Danke.”

“Rot ist meine Lieblingsfarbe”, sagte Dominik.

Mama kam wieder, mit zwei Sektgläsern, und Onkel Hans meinte, Dominik sollte mittrinken. “Spinnst du?”, sagte Mama. Onkel Hans holte ein Sektglas, prickelndes Mineralwasser mit einem Schuss Orange, zu dritt stießen sie an, und Mama lächelte sogar.
(Hier weiterlesen)

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