Habe mich gestern mit B. getroffen. Ich erzählte von der zähen Arbeit an meinem Roman, und er meinte dazu:
Es ist aufwändig, sich eine konsistente Lüge auszudenken
Ein Roman ist eine Lüge? Stimmt, eigentlich.
Habe mich gestern mit B. getroffen. Ich erzählte von der zähen Arbeit an meinem Roman, und er meinte dazu:
Es ist aufwändig, sich eine konsistente Lüge auszudenken
Ein Roman ist eine Lüge? Stimmt, eigentlich.
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War mühsame Arbeit heute. Da war Handwerk gefordert. Habe eine ältere Szene umschreiben müssen, da sich vieles am Umfeld geändert hat. Kam mir vor, wie etwas Schweres in eine neue Richtung zu drehen. Ist mir gelungen, letztlich. Morgen geht es weiter, morgen wird es leichter.
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Habe mir heute dem WLAN–Modem den Strom genommen. Ja, muss ich mich denn behandeln wie ein Kind, das Fernsehverbot kriegt, weil es nicht tut wie es soll? Internetsperre, damit ich schreibe? Offenbar.
Und wenn ich im Schreiben drinnen bin, so nach einer halben Stunde, dann will etwas in mir fortlaufen. Raus aus dem Text, irgendetwas Handwerkliches tun. Warum? Weil ich ein Fluchttier bin. Wenn es (emotional) intensiv wird , dann will ich weg. Aber Schreiben heißt, dass ich mich stelle. Das macht es so anstrengend.
Ich sage mir, der Roman ist wie eine Hochebene – zu der muss ich auch erst einmal hinaufsteigen. Felsig, keine markierten Wege. Oben dann, endlich das weite Land mit meinen Romanpersonen, die auf mich gewartet habe. Mit denen gehe ich dann – Hand in Hand – dem Fluss entlang zum großen, klaren See.
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Aber sobald ich ein bisschen im Schreibfluss drinnen bin, kommt Ablenkung. Und ich wehre mich nicht dagegen! Schlimmer noch, ich suche die Ablenkung. Ich torpediere mich selbst. Irgendwas Dringendes ist schließlich immer zu tun. Zum Beispiel etwas für diesen Blog schreiben.
Das alles ist gar nicht gut. Bin zornig.
Die Zeit rinnt mir davon. Ich habe doch nur ein Leben und noch so viele ungeschriebene Romane.
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Ich will der Leserin Fachwissen vermitteln. Wenn sie den Roman schließt, soll sie – nebenher – das Gefühl mitnehmen, dass sie etwas gelernt hat. Über Archäologie, Medizin, Geschichte … was auch immer ich vermitteln möchte.
Fakten haben einen Nachteil: man merkt sie sich kaum. Weil sie grundsätzlich langweilig sind. Nehmen wir zum Beispiel die Grabungstechniken in der Archäologie – das interessiert doch nur einen, der sich für Archäologie interessiert. Ich aber will alle Leserinnen ansprechen. So nutze ich folgendes Gesetz:
Die Leser merken sich nur jene Fakten, die eng mit Gefühlen verflochten sind.
Wie setze ich das praktisch um? Bei vielen fachlichen Themen gibt es in der Fachwelt oft heftige Kontroversen. Ich recherchiere die griffigsten und mache sie zu persönlichen Konflikten meiner Romanpersonen.
Zum Beispiel: Archäologe A kann die Archäologin B nicht ausstehen (aus persönlichen Gründen). Dann lasse ich A mit der antiquierten Grabungstechnik 1 arbeiten, während B mit der neuen Grabungstechnik 2 arbeitet. B verachtet A wegen seiner alten Methoden, während A auf Bewährtes setzt und die Arbeit von B herunter macht und sabotiert. Was habe ich damit erreicht? Ich habe die Fachkontroverse persönlich gemacht, und die Leserinnen wollen plötzlich verstehen, wo der Unterschied in den Grabungstechniken liegt. Und folgen mir bereitwillig, wenn ich ihnen vorführe, wie mühsam es ist, ein Skelett zu bergen.
Damit werden recherchierte Fakten zum Brennstoff der Handlung.
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Folgende Rede hielt ich 2009 auf einer Hochzeit:
Alexander ist ein Mann.
Ja, Sie lachen! Aber: das hier ist keiner dieser leichten Scherze, die man so macht, bei Hochzeiten – da lädt man sich jemanden ein, und der soll etwas Anstößiges erzählen, man ist ja ach so aufgeschlossen! Und man möchte das Gesicht der Eltern beobachten, wenn das eine oder andere über den Bräutigam behauptet wird, rein um zu provozieren.
Aber das hier ist nicht witzig. Denn was bitte sehr soll witzig daran sein, ein Mann zu sein? Stellen Sie sich das vor, was ein Mann so tut, wenn er alleine ist – nein, gar nicht den ekeligen Akt als solchen, es reicht das Nachher, wenn dieser Mann mit klebrigen Fingern auf die Laptoptastatur greift, um das Video zu schließen. Sie sehen, das hat nichts Witziges.
Ah! Allmählich sickert es in Ihre Köpfe, nicht wahr?
(Hier weiterlesen)
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Habe mich in den letzten Tagen großen Themen gestellt, vor denen ich mich lange gedrückt habe. Erst, wenn ich diese Themen auflöse, kann ich überhaupt mit dem Roman weitermachen.
Thema 1: Am Beginn stand die harmlose Frage, wo das herzkranke Mädchen Angelika lebt (Beim Vater? Bei der Mutter Dagmar? Im Spital?) Um das zu lösen, musste ich mir im Klaren sein, wie die geschiedenen Eltern kooperierten. Das wiederum setzte voraus, dass ich den Verlauf ihrer Beziehung kannte. Dazu musste ich Dagmar genau kennenlernen, und das führte mich in ihre Jugend, hin zu …
Thema 2: Die Zwillinge Dagmar und Isabella wuchsen ohne Vater auf – was bedeutete das für ihre Persönlichkeiten? Ich modellierte die beiden so, dass sie auf gegenteilige Weise mit ihrer Vatersehnsucht umgehen.
Thema 3: Der Nachteil der bisherigen Romanhandlung war, dass es diese kaum gab. Das meiste Interessante passierte vor Romanbeginn. Also verlegte ich Abläufe der Vorgeschichte hinein die Gegenwart.
In früheren Romanfassungen hatte sich Angelika bereits vor Romanbeginn entschieden, keine Herztransplantation über sich ergehen zu lassen. In der aktuellen Fassung erlebt der Protagonist (und damit der Leser) diese schicksalshafte Entscheidung hautnah mit.
Extremsituationen und Konflikte halte ich für gute Instrumente, um Personen dem Leser plastisch/drastisch vor Augen zu führen – denn erst wenn es ungemütlich wird, zeigen Menschen die meisten ihr wahres Gesicht.
Was ist das Ergebnis all dieser Arbeit? Die Mindmaps sind ergänzt. Das Romanmanuskript noch unverändert. Als nächstes werde ich prüfen, was vom Text alles zu ändern ist.
Ich spüre, es ist soweit. Die Welt, die ich in den letzten drei Jahren aufgerichtet und erforscht habe, beginnt zu leben und zu kämpfen.
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Ich schöpfe beim Schreiben aus meinen Emotionen. Die sind das Material, aus dem ich meine Romanpersonen forme.
Darum muss ich beim Schreiben tief in mich hineinspüren, um zur passenden Schreibhaltung zu finden. Das ist anstrengend. Und manchmal ist die passende Emotion nicht greifbar – bin ich zum Beispiel verliebt, wie soll ich dann über das Leiden eines Frischgeschiedenen schreiben?
Das trübste Wasser kann eine Mühle antreiben.
Aus jeder Zitrone kriegt man einen Saft.
Das bedeutet, ich nutze, was in diesem Moment an Emotion in mir verfügbar ist. Das ist ein reichhaltiger Ansatz.
Damit sind Müdigkeit, Deprimiertheit oder Glück keine Ausreden, den Schreibtisch zu verlassen – gerade bei einem Romanprojekt gibt es genügend Szenen, in denen jemand müde, deprimiert oder glücklich ist.
Ich kann sogar aus meinem Schreiballtag Emotionen gewinnen. Indem ich meine Einstellung zum Text auf die Empfindung einer Romanfigur umlege. Stellen wir uns vor: da ist eine Szene, die mag ich nicht schreiben. Also lege ich mein Nichtwollen in einen Protagonisten hinein: ich mag den Text nicht schreiben, und mein Protagonist etwa mag Großmutter nicht besuchen … und schon habe ich die passende Schreibhaltung gefunden.
Aber manchmal, da gibt die Zitrone keinen Saft und das Wasser ist selbst der Mühle zu trübe. In solchen Fällen schreibe ich lieber nicht.
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Es gibt Autoren, die reden über das, woran sie gerade arbeiten.
Es gibt Autoren, die tauschen sich nicht/kaum aus, über das, was noch nicht vollendet ist.
Zum Beispiel vorgestern. Literaturhaus, Podiumsdiskussion zum Thema Schreibprozess. Zwei Autorinnen, zwei Ansätze…
Michaela Falkner redet nicht über ein Werk, wenn es noch im entstehen ist. Alles macht sie mit sich selbst aus. Als sei das unvollendete Werk noch so fragil, dass ein vorzeitiges Besprechen alles zerstören könnte.
Verena Rossbacher hingegen redet gern über ihr laufendes Romanprojekt – durch das Besprechen des Werks verändert es sich. Sie sucht den Austausch. (Ihr literarischer Werdegang begann in der Schreibschule Leibzig, und Schreibschulen setzen natürlich voraus, dass die Teilnehmenden sich mit den Lehrenden und den Kolleginnen austauschen.)
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Kritik am Text
Warum mein Text “funktioniert”, besser: auf-geht, oder auch nicht, weiß ich nur manchmal (d.h. ich kann klare Gründe dafür angeben).
Meist ahne ich nur (habe so im “Gefühl”): Der Text stimmt nicht. – Ich beginne an ihm zu arbeiten. Und plötzlich, ja unversehens, stimmt er. Das heißt: Er klingt. Er hat, was er vorher nicht hatte, einen Resonanzraum. Erst dann weiß ich: Ein Wort zuviel war’s oder zuwenig, ein Zu-viel-sagen-Wollen und Mehreres-gleichzeitig-erzählen-Wollen, was auch immer. – Es ist eine (mangelnde) musikalische Erfahrung am Text, die die Arbeit vorantreibt. Das hat natürlich nichts mit “Wortgeklingel” zu tun, sondern mit dem, was der Raum zwischen den Worten gebiert.Lieber Thomas,
ich bewundere Deinen Mut, Dein Schreibatelier zum öffentlichen Raum zu erklären. Gerne nehme ich auch weiterhin Anteil.
Viel Glück und liebe Grüße aus Wien, Rolf
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Handwerkliche Kritik
Wir beurteilen, inwieweit der Text das Ziel erreicht, das sich der Text setzt.
Das Ziel wird nicht hinterfragt, sondern nur dessen Umsetzung mit Hilfe des vorliegenden Texts.
Ein Indikator für geringe handwerkliche Qualität ist, dass man Textteile kürzen kann, ohne dass sich an der Zielerreichung/Wirkung des Texts etwas ändert. (Was nicht bedeutet, dass ein solcher Text gekürzt werden muss – er kann auch ausführlicher gestaltet werden, um seine Wirkung zu entfalten)
Ästhetische Kritik
Wir beurteilen das Ziel, das sich ein Text stellt.
Hier hinterfragen wir sehr wohl, ob das Ziel passend | schön | gut | lohnenswert ist. Der Kritiker legt seine persönlichen Beurteilungsmaßstäbe an – diese unterscheiden sich je nach persönlichen Einstellungen und Werten der Kritiker.
Verlage beispielsweise beurteilen Manuskripte danach, ob sie zur Verlagslinie passen – wenn ein Verlag etwa nur Krimis verlegt, hat eine noch so gut geschriebene Fabel keine Chance verlegt zu werden.
Zu dieser Art der Beurteilung gehören Literaturrezension. Hier dominiert die persönliche Einstellung des Kritikers – und das ist ausdrücklich gewünscht.
Ästhetische Kritik kann dem Autor den Blick auf das eigene Werk weiten, kann ihm helfen, sich zu positionieren.
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Meinungsverschiedenheit über ein Kunstwerk zeigt, dass das Werk neu, vielfältig und bedeutend ist.
Wenn die Kritiker uneins sind, ist der Künstler einig mit sich selbst.
(Oscar Wilde im Vorwort zu Dorian Gray)
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(oder: Nichtschreiben als Teil des literarischen Prozesses)
Habe das Herumhirnen satt. Mich in ein herzkrankes Mädchen hineinversetzen, oder in Frauen, die ohne Väter aufwachsen und darum wahllos Männerbekanntschaften habe oder in einen Typen, dem seine Freundin verbrannt ist oder in eine Quasiheilige, die vor soundsovielen Jahrhunderten ein Spital gründet hat … ich sag’s euch, Leute, das ist manchmal anstrengend.
Lieber heute gar nicht!
Lieber Leben genießen. Hirn ruhen lassen. Denn:
Laster und Tugend sind für den Künstler Material einer Kunst.
(Oscar Wilde im Vorwort zu Dorian Gray)
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Niemals!
Mein Leben ist zu langweilig, und ich schreibe nicht aus therapeutischen Gründen. Habe ich etwa eine schwangere Freundin verloren? Bin ich eine Archäologin? Na also. Ihr seht: was ich schreibe, ist erfunden.
Nun, nicht gänzlich erfunden. Denn ich nehme, was ich in meiner Umgebung vorfinde. Persönlichkeitsstücke. Konflikte. Gespräche. Etwas von hier, etwas von dort. Aber das ist doch nicht autobiografisch, das stammt von anderen.
Die Gefühle, die ich beschreibe? Woher ich die nehme? Angst, Freude, Liebe … ich kann nicht genau wissen, wie sich das in anderen Menschen anfühlt – es wird schon ähnlich sein wie bei mir. Klar, dass ich mein bestes Forschungs– und Schürfungsgebiet bin, was Gefühle angeht. Weil es praktisch ist.
Jeder Satz, den ich schreibe, kommt aus mir heraus. Jeder Gedanke, den ich vermittle, ist von mir vorausgedacht. Und damit sich meine Romanpersonen stimmig anfühlen, muss jedes ihrer Gefühle ebenfalls von mir geprüft sein. Wie prüfe ich Gefühle? Indem ich sie mit dem abgleiche, was ich in mir erlebt habe. Wie autobiografisch macht mich das?
Margit Schreiner meinte, ihre Texte seien zu 99% autobiografisch und zu 99% fiktiv.
Mittlerweile glaube ich, meine Texte sind zu 198% autobiografisch.
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„Die Archäologin“ ist ein Roman über eine Frau, die Skelette einer Familie findet, und sich so stark mit denen identifiziert, dass es ihr Leben aus der Bahn wirft. Vor einem Jahr war mir dann klar, was in dieser Frau abgeht: Erst, als sie das Schicksal der Toten auf ihre Art und Weise gelöst hat, kann sie mit ihrem eigenen Leben weitermachen.
Moment mal! Thomas, du hast doch die Archäologin erfunden und aufgeschrieben – und brauchst Jahre, um zu begreifen, wer sie ist?
Ja. Ist so. Denn…
Ein Roman ist ein System aus Menschen, von denen etliche fiktiv sind, und einer ist Autor, ich zum Beispiel. Bin Teil des Systems. Ich habe Beziehungen zu den Personen, intensiver als zu etlichen realen Menschen, denn ich denke mich in diese Personen hinein, ich spüre mich in sie hinein, ich schlüpfe in sie. Ich denke Möglichkeiten ihres Verhaltens durch. Für jede Handlung, den sie in meinem Roman begehen, habe ich zig Möglichkeiten verworfen. Ich bastle mir eine Person zusammen, nutze Versatzstücke aus meiner Umwelt. Ich schreibe mich mit der Person warm, bekomme ein Gefühl für den Klang ihrer Stimme und ihre Wünsche und Bedürfnisse.
Und dann beginnt es.
Dann wird diese Person real. Für mich. Da agiert sie, wie sie agieren muss, weil etwas in ihr steckt. Sie wird zum Menschen, den ich einmal getroffen habe, über den ich etwas erfahren habe, und über den ich jetzt in meinem Roman etwas schreiben möchte.
Manchmal begreife ich Menschen gleich, und manchmal dauert es, bis mir klar ist, was mit diesem Menschen los ist. Wie im richtigen Leben eben.
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Ich denke mich in meine Romanpersonen hinein. Die Arbeit an einer ungelösten Frage bringt mich zur nächsten ungelösten Frage und so weiter. So springe ich umher, in Kindheiten und Beziehungen, die mir allmählich vertraut werden. Das alles braucht Zeit.
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