Artikel zum Schlagwort “Anatomie meines Schreibens”

18. August 2010

Einfache Ursache

Morgendliche Unzufriedenheit
mit meinem Geschriebenen
hat meist den Grund, dass ich
noch nicht gefrühstückt habe.

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13. August 2010

Heute erkannte ich (wieder einmal), wie ich einen Roman schreibe

Ich habe dank des Rückwärtsschreibens der letzten Kapitel wieder etwas gelernt. Einen großen Zusammenhang über mein Schreiben, der – wenn ich genauer darauf geachtet hätte – mir schon vor zehn Jahren auffallen hätte können.

Nehmen wir an, eine Romanfassung ist eine Abfolge von beschriebenen Ereignissen E1 – E2 – E3 – … – EEnde

Früher dachte ich, im großen und ganzen ginge ich folgendermaßen vor:

  1. Ich schreibe E1
  2. Ich schreibe E2
  3. Ich schreibe E3
  4. Ich schreibe E4
  5. und so weiter
  6. und bin irgendwann fertig mit EEnde und somit mit dieser Romanfassung.

In Wirklichkeit ist es so:

  1. Ich schreibe E1
  2. Ich schreibe E2
  3. Ich schreibe E3
  4. Ich stocke im Schreiben. Ich erkenne: ich war zu schnell. Zwischen den Ereignissen E1 und E2 liegt noch so vieles, in das ich emotional hineinsteigen muss.
  5. Ich schreibe E1a
  6. Ich schreibe E1b
  7. Ich betrachte das bisher geschriebene: E1 – E1a – E1b – E2 – E3 und erkenne: da liegt noch einiges dazwischen, bevor ich sonnvoll E4 angehen könnte.
  8. Ich schreibe E1a1
  9. Ich schreibe E1a2
  10. Ich betrachte das bisher geschriebene: E1 – E1a – E1a2 – E1a2 – E1b – E2 – E3
  11. und so weiter
  12. und bin irgendwann fertig mit EEnde und somit mit dieser Romanfassung.

Am Anfang habe ich es eilig, zum Schluss EEnde zu gelangen. Ich hetze. Andererseits kenne ich meine Romanpersonen noch nicht so gut. Dann kommt oft die Kritik, dass ich zu dicht schriebe. Zu viel Handlung, zu viele Referenzen in zu wenig Zeilen. Kein Verweilen für den Leser. Kein Mitleben. Das führt also dazu, dass die als Einstieg geplanten Ereignisse in meinen Roman immer mehr Raum einnehmen, so lange, bis sie den Hauptteil meines Romans ausmachen (so geschehen etwa in der Archäologin).

Interessanterweise sind die eingefügten Stellen wie E1a2 oder E1b die besten (im Sinne, dass sie am meisten Emotionen beim Leser auslösen). Es sind meist Stellen, wo die äußerliche Handlung E1 – E2 – E3 nicht vorangetrieben wird. Aber es sind jene Stellen, wo sich im Inneren der Personen am meisten tut.

(Das Kürzen von Ereignissen und das Umstrukturieren hab ich jetzt hier noch nicht betrachtet.)

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11. August 2010

Weiterschreiben? Rückwärtsschreiben!

Vor einigen Tagen habe ich hier die Frage gestellt: Wie fühlt man sich, nachdem man jemanden krankenhausreif geschlagen hat?

Eine Frage wie bei etwas, das plötzlich passiert, zum Beispiel, ein Apfel fällt Timon auf den Kopf, und ich muss herausfinden, wie er sich nun fühlt.

Es ist schlichtweg die falsche Frage. Denn weit wichtiger ist: Was fühlt Timon vorher? Es muss in irgendetwas Großem drinnenstecken, sonst würde er nicht so etwas tun. Und dieses Große (sein Schuldgefühl) treibt ihn zu Tat an, und nachher ist es ja nicht weg. Nachher, verstärkt durch die Tat, geht es weiter. Timon hat es dann schwarz auf weiß: er trägt in sich die Erbschuld des Mannes schlechthin, nämlich, die Frau im Stich gelassen zu haben. So etwa hatte er sich bis zu Sophies Tod niemals ernsthaft darauf vorbereitet, mit ihr zusammen zu ziehen. Trotz gegensätzlicher Beteuerungen. Wäre sie nicht gestorben, wäre es aufgeflogen. Ein Teil von Timon wollte niemals das bisherige bequeme Leben aufgeben. Der andere Teil Timons war immer bemüht, dieses Versagen bis zur Selbstaufgabe zu kompensieren.

Das Schlimmste: Ein Teil von Timon war erleichtert, als Sophie tot war. Das ist etwas, das muss Timon vor sich selbst verstecken. Er zimmert er sich ein Idealbild der Beziehung zurecht. Aber Timon entkommt sich nicht. Das will ich so schildern, dass es fast zwangsweise zu der Entladung führt.

(Damit muss selbstverständlich die Textstelle, in der Timon auf Marx eintritt, massiv geändert werden.)

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6. August 2010

Wie fühlt man sich, nachdem man jemanden krankenhausreif geschlagen hat? (Teil 2)

Habe mit ein paar Leuten darüber geredet. So einfach ist das alles nicht. Es gibt wohl folgende Tätertypen:
I. die Rotseher (sie rasten aus und können sich an die Tat nicht mehr erinnern)
II. die Choleriker (die bei Kleinigkeiten aufbrausen) und
III. die, bei denen es lange braucht, bis ihre innere Schwelle überschritten ist.

Die Frage, die mir entgegen geworfen wurde, lautete: »Was muss passieren, damit du – ja, genau du, Thomas! – jemanden niederschlägst?« Mir ist der Gedanke zuwider. An meine Schulzeit denkend bin ich wohl Typ III, und so auch Timon. Das bedeutet literarische Vorarbeit. Timon muss von dem Menschen, den er niederschlägt, intensiv gereizt werden. Mit Themen, die Timon ins Mark gehen.

Wie wäre es mit Schuld? Das ist schon bisher ein Thema Themen gewesen: Er war nicht in Kronstein gewesen, als Sophie umkam. Weil er sich dagegen spreizte, aus Wien fortzuziehen. Sophie gegenüber hatte er das nie ausgesprochen, aber er hatte die Übersiedlung hinausgezögert, soweit es ging. Erst bei der Geburt wollte er übersiedeln – und für die Übersiedlung selbst hatte er keine Vorkehrungen, Planungen getroffen. Je näher der Geburtstermin, desto heftiger klammerte er sich an seine verbleibenden Wiener Tage. Bis Sophie tot war. Dann blieb er in Wien.

Und wenn jetzt jemand kam und Timon mit dieser Schuld konfrontierte? Das könnte zum Beispiel der Journalist Rudolph Marx tun. Er provoziert des Provozierens willen, denn bei verwundeten Menschen – so lautet Marx‘ Methode – kämen die wahren Geschichten ans Tageslicht. Als er von Timon niedergeschlagen wird, hat Marx gewonnen.

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3. August 2010

Wie fühlt man sich, nachdem man jemanden krankenhausreif geschlagen hat? (Teil 1)

Und was dann war – wie lange wird es gedauert haben? Eine Minute? Zwei? Wie lange braucht es, einen Menschen krankenhausreif zu treten? Ich kann mich erinnern. Aber was ich fühlte, Sophie! Bitte hilf mir. Das geht in mein Tiefes. Dort unten, wo es schwarz ist, wo alles zusammengeht: Kronstein und du und dein Museum und ich. Und dass sie dich umbrachten. Dass sie unser Kind töteten. Dass sie in mir etwas abrissen. Dass dieses Arschloch von Mörder immer noch lebte und dass er dich leiden hatte lassen. Und dass im großen Violanum keiner etwas unternommen hatte, dass irgendwer es doch hätte wissen müssen. Und dass auch ich es nicht gesehen hatte – ich hätte es wissen müssen, spüren müssen, ich hätte es riechen können wenn ich riechen könnte, und jeder Tritt forderte einen weiteren Tritt heraus, denn nach jedem Tritt war er immer noch da, stöhnte, hob die Unterarme, bis ich etwas an meinem Oberarm spürte. Eine Hand. Angelika. Sie flüsterte: »Bitte. Töte ihn nicht.«

So weit so gut. Und nun?

Wie geht es in Timons Innerem weiter? Wie komme ich an solche Emotionen heran? – Aus dem Autobiografischen schöpfen! – Wie denn, ich habe nie jemanden so geschlagen. – Alles, was du brauchst, steckt in dir. Du musst dich nur stellen. – Wie denn? Ich würde das, was Timon getan hat, niemals tun. – Timon auch nicht. Thomas, denk an deine Schulzeit, an diese dunkle Epoche- Was war da? – Das war doch nicht zu vergleichen! – Aber die Versatzstücke, Thomas! Angst, Wut, Verzweiflung, erinnerst du dich? – Nein. – Dann schau genau dort hin! Weiche nicht aus, das würden deine Texte sofort spüren. Du musst schürfen, viel Geröll wegmachen, bist du zu den Emotionssedimenten vordringst, aus denen du am Ende Timon gewinnst.

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24. Juli 2010

Wie mir Szenen begegnen (Herz 2)

Einmal ausgelöst, macht sich die Szene mit dem Herzen selbständig.

Jetzt ist auch der Fotograf da, der Angelika mitten in der Nacht fotografiert, betrunken, gerade von einem Fest gekommen, das Schweineherz in ihrer rechten Faust. Sein Blitzlicht macht sie blind für einen Moment. Sie stolpert weiter. Und da ist Timon, der Angelika zu der Party gefolgt ist. Er fühlt sich verantwortlich, will sie beschützen. Er schreit den Fotografen an, und der verschwindet im Dunkeln. Timon will Angelika das Herz aus der Hand nehmen, sie wehrt sich, es klatscht auf die Straße. Angelika bückt sich, hebt es hoch, drückt es sich an die Brust. Sie kommt Timon wie ein Kind vor, dem man den Teddy wegnehmen möchte, so weinerlich: “Ihr sollt mir endlich mein Herz lassen!”

Jetzt geht der zweite, der dritte Blitz des Fotografen los. Timon rennt zu dem Mann, verfolgt ihn, und als der Fotograf fällt, tritt Timon mit den Füßen auf ihn ein. Angelika kommt hinzu, sie atmet kurz, sie flüstert: “Bitte. Töte ihn nicht.”

Timon macht einen Schritt zurück. Bleibt erstarrt stehen. Angelika reicht ihm ihr Herz, er greift reflexhaft danach. Sie kniet sich neben den Mann. Bringt ihn in eine stabile Seitenlage. Sie sagt: “Wir rufen jetzt die Rettung.” und ist mit einem Mal wieder das vernünftige, besonnene Mädchen.

Timon tippt den Notruf in sein Handy, hält sich das Telefon an das rechtes Ohr, und mit der linken Faust umfasst er die Hohlvene des Herzens. So steht er auch noch da, als das Auto mit dem Blaulicht in die Straße eingebogen ist.

… und so weiter…

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23. Juli 2010

Wie mir Szenen begegnen (Herz 1)

Schweineherz. Quelle: graffiti-online.net

Schweineherz. Quelle: graffiti-online.net

Hier ein Beispiel, wie ich mich Szenen nähere. Es geht wieder um Angelika, das herzkranke Kind. Das seine Transplantation verweigert. Ich denke an das Verrückteste, das mir in diesem Zusammenhang einfällt.

Ein Schweineherz. Präziser: Angelika trägt ein Schweineherz. Noch präziser: Sie hält mit ihrer rechten Faust die Hohlvene umklammert, und das Herz schlägt bei jedem Schritt gegen ihr Bein. (So habe ich nun eine Anspielung, eine Referenz auf das schlagende Herz, für jenen Leser, der solches entdecken will.)

Das Bild drückt diesen Riss aus, der Angelika durchzieht: einerseits die Selbstbeherrschte, andererseits das Verrückte, das Todesnahe.

Das ist ein Bild, noch lange keine Szene. Ich brauche jemanden, der dieses Bild sieht (Timon, meinen Protagonisten). Ich brauche seine Schreibhaltung für die Szene. Und: es muss in den Roman hineinpassen, sonst wird es zum Darling.

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21. Juli 2010

Wie ich hineinschlittere

Ich will hier an Hand eines Beispiels beschreiben, wie leicht ich hineinschlittere.

Lassen wir es mit einer BBC-Fernsehdoku beginnen. Titel: “Bright Young People”. Thema: Zwanzigerjahre. London. Eine Gruppe junger Leute und ihre exzessiven Parties. Jung, wild, Geld, Drogen, und in jeder Geste eine Übertreibung. Ihre Leben wurden in Romane gegossen, die Romane verfilmt…

Diese Filmsequenz sehe ich mir wieder und wieder an. Mit Kopfhörern, laut, ich brauche jetzt das Trommelnde. Werde hineingezogen ins Rote, durch die tanzende, lachende Menschenmenge, trinkend und Kokain einsaugend, und mittendrin ist Nina, die Tanzende, die Zuckende, die ihre Arme um sich wirft. Ihr Kopf geht hin und her und scharf hinauf, jede Bewegungen an ihr beginnt so plötzlich und endet so abrupt, sie verharrt den Bruchteil eines Augenblicks – und dann weiter, und schneller und wieder. Sie sagt: “I’ve never been more bored in my life”, und jetzt geht es los in mir.

Ich mache Nina zu meiner Angelika, 13 Jahre, die ihre Herztransplantation verweigert. In den vorangegangene Kapiteln das zurückhaltende, tapfere Mädchen – jetzt, mit diesem Film, ist sie ausgerissen. Eine Nacht lang Party, ein paar Stunden normal sein. Pechschwarz geschminkt ihre Augen, ihr Haar in wirrer Dauerwelle, ein Kleid, das hoch über dem Knie aufhört. Und in ihrer Hand eine halbgeleerte Flasche mit blauer Flüssigkeit.

In diese Szenerie stolpert Timon – wie ein Fremder, der Angelika ausfindig macht, der ihr sagt: “Bist du verrückt? Das hält dein Herz nicht aus.”

Sie schaut ihn an, reißt die Augen auf, dass es stechend weiß wird inmitten ihrer schwarzen Schminke. Sie beugt sich zu ihm, nahe an sein Ohr. Sie sagt: “Krank bin ich vielleicht, aber tot noch nicht.”

Sie macht einen Schluck aus der Flasche. Ruckartig wendet sie sich ab, verharrt einen Atemzug lang mit dem Rücken zu Timon. Dann reißt sie die Arme empor und tanzt und schreit in den trommelnden Lärm: “Ich lebe! Ich lebe!”

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12. Juli 2010

Rückschau: Wie ich in einer Schreibkrise funktioniere

Da gibt es ein Muster, das mich mein literarisches Leben begleitet. Es hat damit zu tun, dass in mir eine Stimme sitzt, die sagt: du kannst nicht schreiben. Kommt dann ein negatives Feedback, fühlt sich die Stimme bestätigt. Die Folge: Schreibkrise.

Doch ist die Krise erst einmal offiziell ausgerufen, übernimmt in mir der Textarbeiter die Führung. Da gibt es keine Zweifel mehr. Dann gibt es nur noch Arbeit, die gut zu tun ist. Pläne werden umgestoßen, ich trenne mich vom bisherigem Text. Denn Qualität ist meine einzige Chance. Ich hole mir Hilfe, die ich brauche. Und wenn ich im konkreten Tun bin, dann schweigt die Stimme. Und wenn ich verstehe, was ich anders tun muss, um besser zu werden, dann bin ich mitten im Glücksgefühl, das mich in die Schreibnächte trägt.

Meine Stärken: hart arbeiten, am Thema dran bleiben, flexibel sein, immer bereit für den Neustart, und das wichtigste: alles der Qualität unterordnen.

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20. Mai 2010

Hinab und empor

Mein literarischer Absturz ist wie ein Aufschlagen auf dem steinernen Boden. Aber durch zähe Schreibjahre zum Gummiball geworden, so pralle ich ab und schieße sofort empor, weit über die Städte und Felder und Wälder mit ihren Bäumen und den Bäumen mit ihren Blättern und diese Blätter mit grünen Adern, die sich verzweigen und dann wieder verzweigen und immer wieder feiner werden, bis sie beim Blattrand angekommen sind.

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13. April 2010

Ameisenhügel

Hindenken und herdenken
und durchgedacht, und
klar ist alle Handlung
und klar scheint
jede Person.

Nur hier und dort und da –
als kleines Warum kriecht es
hervor und hinab und umher.
Dann noch eines und eines
und alsbald krabbelt es
tausendfach entfacht.

Meine Grundsteine sind
Ameisenhügel.

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9. April 2010

Meine Momente

Dann sind da diese Momente,

die mir Überraschungen bringen,
leiser als das Öffnen einer Blüte
sanfter als der Hauch huschender Flughunde,
und flüchtiger als morgendliche Nebelschwaden
über dem Fluss

der aus Blut sein kann
aber sicher nur aus Wasser ist.
Ganz sicher ist es nur Wasser
das da fließt,

und das Schreien! Das sind die Wölfe,
bloß Wölfe, obwohl seit Jahren, am Fluss,
keine Wölfe gesehen wurden.
Sagt man.

Innerlich.
So sind mir solche Momente.

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21. März 2010

Meine Beobachtung greift ein.

Mein Roman ist ein System. Es besteht aus meinen Romanpersonen und aus mir selbst. Ich bin Teil, und alle Teile sind eng miteinander verwoben.

Weil alles so verwoben ist, gilt der Beobachtereffekt – analog zu dem, den Schrödinger für die Physik identifiziert hat: Meine Beobachtungen sind zwangsläufig mit einer Störung des Beobachteten verbunden. Meine Beobachtung schafft Realität. Meine Beobachtung greift ein.

Weshalb ist das wichtig für mein Schreiben? Um beispielsweise meine Widerstände zu verstehen. Um mit ihnen umzugehen. Wenn ich eine Szene nicht schreiben will, dann liegt es wohl an meiner Beziehung zu dem, was in dieser Szene vorkommt. Eine Romanperson etwa, mit der ich (als Autor höchstpersönlich) nicht kann. Vielleicht berührt diese Person irgendein wundes Thema in mir. Andererseits kann mein Dialog mit den Romanpersonen Erkenntnisse bringen. Auch über mich. Ich bemühe mich, alle meine Romanperson zu verstehen. Ich helfe mir, indem ich Eigenschaften von mir heranziehe, die ähnlich sind. Ich arbeite mit Analogien aus meinem eigenen Erleben, um zu begreifen.

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14. März 2010

Ich protokolliere Leben

Am besten schreibe ich, wenn ich bloß protokolliere: ich erfinde nichts, ich schreibe nur nieder, was die Romanpersonen machen.

Das ist der Fall, wenn alles schon erfunden ist, wenn alles schon gefühlt ist. Ich erkläre nichts, ich lasse euch Romanpersonen die Arbeit machen. Es ist ja schließlich euer Leben! Also, steht auf und lebt, eine jeder auf seine Art.

Und sollte sich noch irgendein dichterischer Firlefanz einschleichen, dann schneide ich ihn ab. Schnipp.

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9. März 2010

Wie sich mein Schreiben anfühlt

Für mich heißt schreiben, bereit zu sein. Ich bin bereit, alles Bisherige aufzugeben, wenn ich entdecke, dass es nicht mehr passt.

Mir bei der Arbeit zusehen? Da sähe man bloß einen, der vor dem Laptop hockt und gelegentlich auf und ab geht. Langweilig und langsam, obwohl im Kopf alles so schnell und hin und her ist.

Deshalb hier eine Künstlerin, bei der Zusehen lohnt. Die alles Bisherige unausweichlich wegwischt, und das in einer rasenden Geschwindigkeit. Wer also meinen Schreibprozess mitfühlen will, der sollte Ksenyja Symonowa beobachten:

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8. März 2010

Herumgeirrt

Voller Mond im Herbst!
Um den Teich bin ich geirrt,
eine ganze Nacht.

(Basho. Hundertelf Haiku. Ammann Verlag 2009, Seite 77)

Voller Mond im Herbst!
Wie bin ich herumgeirrt,
an meinem Schreibtisch.

(Wollinger)

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