Ja, genau genommen – warum bei zwanzig- oder dreißigtausend aufhören? Wieso überhaupt noch schreiben? Warum kritzelt man nicht einfach einen Plot und ein paar Motive auf einen Briefumschlag und belässt es dabei? [...] Na los, Jungschriftsteller – gönnt euch doch mal einen Witz oder ein Adverb! Lasst euch nicht lumpen! Den Leser stört das nicht! Habt ihr euch mal angesehen, wie dick Bücher sind, die an Flughäfen verkauft werden? Die Menschen mögen das Überflüssige.
Aus: Nick Hornby: Mein Leben als Leser
“Gönnt euch doch mal ein Adverb!”
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Über Adjektive
Bevor Sie ein Adjektiv hinschreiben, kommen Sie zu mir in den dritten Stock und fragen, ob es nötig ist.
Georges Clemenceau, Journalist und Politiker, 1841 – 1929
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Oh, ich kürze nicht mehr! Im Gegenteil…
Wie ihr Blogleser wohl gemerkt habt, hatte ich eine Krise. Die resultiert nun in einer geänderten (sprich autobiografischen) Herangehensweise. Dank dessen bin ich meinem Protagonisten Timon viel näher als früher. So bin ich eben dabei, alles bisher Geschriebene zu überarbeiten.
Und nun ist etwas passiert. Im Unterschied zur früheren Arbeitsweise resultiert Überarbeiten nicht in Streichungen, sondern in Erweiterungen. Ich sehe den bisherigen Text als Skelett, das mit Fleisch zu füllen ist. Mit Sinneseindrücken, mit Sinnlichem. Timon verweilt nun. Ich nehme mir Zeit für jene Orte, an denen Timon ist.
Das schlägt sich auch an den Zeichenzahlen nieder: Mein überarbeiteter Romanbeginn umfasst per heute 105.000 Zeichen. Um denselben Handlungsfortschritt zu vermitteln, benötigte ich in der vorigen Fassung 68.000 Zeichen. Um die Hälfte mehr. Mein Roman wird länger.
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Good bye, Monstrum!
Habe heute ein Romanperson weggestrichen. Von 20 auf 19 (10 lebende (grün), 9 tote (rot)). Das Monstrum ist weg. Schnipp und fort? Nein. Ein monatelanges Ringen. Letzten Oktober schrieb ich:
Ein Darling gehört zu meiner literarischen Eitelkeit; es ist etwas, womit ich mich gerne umgebe (n würde), weil es so schön scheint.
Fragen, die mir helfen, um ein Darling zu identifizieren:
1) Magst du es?
2) Wenn es nicht da wäre, was würde der Handlung fehlen?
3) Gehört es zu deinen Lieblingstextstellen?
Und was war damals schon mein Beispiel für so ein Darling?
In der Mindmap der Romanfiguren gibt es eine Figur, die „Monstrum“ heißt. [...] Eine Art Fata Morgana des Schreckens. [...] Ich gebe es zu: ich bin noch nicht bereit, dieses Monstrum zu entfernen. Soeben habe ich den ganzen Roman umgeschrieben, also da ist ein bisschen Geduld angesagt, ja?
Warum heute? Weil ich heute gefragt wurde, wozu ich denn das Monstrum im Roman bräuchte. Und weil ich keine rechte Antwort fand. Wie ihr seht, manchmal dauert es eben, bis ich mich von meinen Eitelkeiten befreie – geht es euch auch so?
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Wie sich mein Schreiben anfühlt
Für mich heißt schreiben, bereit zu sein. Ich bin bereit, alles Bisherige aufzugeben, wenn ich entdecke, dass es nicht mehr passt.
Mir bei der Arbeit zusehen? Da sähe man bloß einen, der vor dem Laptop hockt und gelegentlich auf und ab geht. Langweilig und langsam, obwohl im Kopf alles so schnell und hin und her ist.
Deshalb hier eine Künstlerin, bei der Zusehen lohnt. Die alles Bisherige unausweichlich wegwischt, und das in einer rasenden Geschwindigkeit. Wer also meinen Schreibprozess mitfühlen will, der sollte Ksenyja Symonowa beobachten:
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“Kill All Darlings” als Comic-Strip
Denk dir den Text des ersten Bilds ein wenig anders: “Wie schreibe ich einen guten Roman? Zuerst muss ich mich von allen lieb gewonnenen Textstellen, Figuren und Handlungssträngen …”
So zeigt dir dieser Comic-Strips das Schmerzhafte, das ich bei Kill All Darlings gemeint habe.
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Romanperson wegkürzen
Das liebste Kürzen ist, wenn ich kürze, bevor ich noch etwas geschrieben habe. Sprich, wenn ich mein Konzept vereinfache. So geschehen letztens mit einer Romanperson – eine, die ich mochte, die eines meiner großen Themen widerspiegelte. Ich habe sie folgendermaßen hinterfragt:
- Wenn diese Person im Roman fehlt, was fehlt dann dem Roman?
(Diese Frage ergibt Handlungsstränge, Konflikte, Charaktereigenschaften) - Welche dieser Handlungsstränge / Konflikte / Charaktereigenschaften sind nötig? (Mit “nötig” meine ich “nötig, damit der Roman sein Wesen behält” und nicht “interessant” oder “spannend”)
- Welchen anderen Personen kann ich diese nötigen Handlungsstränge / Konflikte / Charaktereigenschaften umhängen?
Das Zusammenlegen von Personen zu einer führt zu einer Verdichtung der Handlung und der Konflikte. Grundsätzlich sollte man mit möglichst wenig Personen auskommen. Bei mir sind es nun neun lebende und acht tote.Allesamt namentlich bekannt und wichtig.
Siebzehn ist eine ganze Menge. Nun, es ist ja auch ein großer Roman.
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Gekürztes Frühstück
Einen Artikel aus dem Blog von Philipp Bobrowski lege ich euch ans Herz. Ausgehend von einem praktischen Beispiel diskutiert er, was in einem Text denn eigentlich relevant ist, oder, anders gesagt, was gekürzt werden soll. Auch das Thema der Darlings schneidet er an.
(Hier weiterlesen)
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Handwerkliche Kritik an Hand eines Beispiels
In einem Krimi las ich folgende Stelle:
[Er] war ein kränklicher Mann von kleinem Wuchs; er war Beamter in irgendeiner Behörde, war geradezu auffallend blond und hatte einen kurzen Backenbart, auf den er sehr stolz war. Überdies schmerzten ihn fast ständig die Augen. Sein Herz war ziemlich weich, doch seine Rede höchst selbstsicher und manchmal geradezu anmaßend – was im Verein mit seiner zarten Gestalt fast immer lächerlich wirkte.
- Der Autor wertet, anstatt zu zeigen (vergleiche dazu: Show, don’t tell): Es wird gesagt, dass der Mann klein sei, ohne zu zeigen, wie groß er nun ist; der Mann wirkt lächerlich, aber dem dem Leser wird keine die Möglichkeit gegeben, diese Lächerlichkeit zu erleben. Der Autor schreibt vor, was der Leser empfinden soll (Regieanweisung).
- Viele Adjektive: Statt “geradezu auffallend blond” würde eine “auffallend blond” genügen – denn was ist der Unterschied zwischen “geradezu auffallend” und “auffallend”? (Robert Schindel nennt diese überflüssigen Worte “Füllselworte”) Wie darf ich mir einen “geradezu auffallend blonden” Mann vorstellen? Rotstichig? Albinohaft? Der Autor hätte mir das vermitteln können.
- Übertreibungen haben den gegenteiligen Effekt: “selbstsicher” wirkt beim Leser stärker als “höchst selbstsicher”, und “sehr stolz” schmälert den “stolz”.
- Übertreibungen, die durch ein Adjektiv relativiert werden: Was bedeutet “fast ständig”? Ein “ständig” mit einem “fast” zu mindern, solche sprachlichen Hakenschläge stumpfen ab; hier würde ein “oft” wohl genügen. Ähnlich bei “fast immer lächerlich”, da täte es ein “lächerlich”; denn die Zeitraumbeschreibung “fast immer” bringt den Leser (gefühlsmäßig) nicht näher an den beschriebenen Mann.
- Literarische Ungerechtigkeit: Einen Mann gleich von Anfang an als lächerlich zu werten widerspricht dem Prinzip der erzählerischen Gerechtigkeit, wie sie etwa von Robert Schindel eingefordert wird.
Der Autor, so scheint es mir, wollte sich nicht die Arbeit antun, dem Leser zu vermitteln, was er sieht – der Leser erfährt bloß die Zusammenfassung, die Schlussfolgerungen. Dem Leser wird hier keine Chance gelassen, sich selbst ein Bild zu machen.
Welchem Krimi ich diese Stelle wohl entnommen habe?
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Über das Kürzen
Ich hasse Wiederholungen und Geschwätzigkeit in der Literatur, auch als Leser. Daher streiche ich so viel wie irgendwie möglich, bis kein Wort mehr verzichtbar ist. Oft sind es bis zu 40 Seiten, die ganz am Schluss noch aus einer 170-Seiten-Erzählung herausfallen.
(Walter Kappacher. Er erhielt 2009 den Georg-Büchner-Preis)
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Kill All Darlings
Da gibt es diese lieb gewonnenen Textstellen, Figuren und Handlungsstränge. Wegen denen ich meinen Roman verbiege, bloß um sie zu behalten.
Beispiel gefällig? Mein aktueller Roman sollte Abschluss einer Trilogie werden. Sprich, ich übernehme die Personen von Teil 1 & 2 und füge frische Handlung hinzu. 2 Jahre habe ich gearbeitet, um Alt und Neu zu verknüpfen. Diesen Mai gestand ich mir ein: Ich bekomme die Komplexität nicht in den Griff. Meine Rahmenbedingung, dass dieser Roman ohne Teile 1&2 lebt, konnte nicht halten – zu groß waren die Schatten der Vergangenheit, die nichts zur aktuellen Romanhandlung beitrugen.
Ich befreite den Roman und mich. Ich machte ihn zum eigenständigen Werk. Den Romanbeginn, den ich vor Mai produziert hatte, legte ich beiseite. Im Juni schreib ich ihn neu. Neue Namen, neue Sprache, und die Vergangenheit der Personen richtete ich auf die Handlung aus.
Kill all darlings.
Ein Darling ist etwas, das dem Autor am Herzen liegt, aber nicht dem großen Ziel dient, schlimmer, es ist hinderlich. Damit das Darling Teil des Texts bleibt, muss der Autor die Handlung anpassen und muss Personen so hinbiegen, dass das Darling irgendwie Sinn macht.
Ein Darling ist die größte Bedrohung des literarischen Werkes! Eben weil es nicht wie ein Feind wirkt, sondern sich als lieber Freund des Autors einschleicht. Es macht den Autor blind. Nicht mehr die literarische Notwendigkeit entscheidet über den Verbleib des Darlings, sondern die Textverliebtheit.
Ein Darling gehört zu meiner literarischen Eitelkeit; es ist etwas, womit ich mich gerne umgebe (n würde), weil es so schön scheint.
Fragen, die mir helfen, um ein Darling zu identifizieren:
1) Magst du es?
2) Wenn es nicht da wäre, was würde der Handlung fehlen?
3) Gehört es zu deinen Lieblingstextstellen?
Übrigens. In der Mindmap der Romanfiguren gibt es eine Figur, die „Monstrum“ heißt. Wenn etwas Schreckliches in Kronstein passiert, wird dieses Monstrum gesehen. Eine Art Fata Morgana des Schreckens. Ich habe eine gute Szene geschrieben, in der mein Timon die Furcht vor dem Monstrum durchlebt.
zu Frage 1) Ich liebe es!
zu Frage 2) lass mich nachdenken …
zu Frage 3) JA! Unbedingt.
Ich gebe es zu: ich bin noch nicht bereit, dieses Monstrum zu entfernen. Soeben habe ich den ganzen Roman umgeschrieben, also da ist ein bisschen Geduld angesagt, ja? Schon wieder von etwas Abschied nehmen …
Einen Roman zu schreiben heißt, von vielen Ideen Abschied zu nehmen, damit neue Ideen ihre Plätze finden.
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