Artikel zum Schlagwort “Mein Romanprojekt”

10. August 2010

Unruhe

Klar weiß ich, was jetzt helfen würde: Schreiben. Ach, wenn ich doch ein Romanprojekt hätte! Aber ich habe keinen literarischen Rahmen mehr, in dem ich meine Unruhe irgendeiner Romanperson umhängen könnte. Und ohne Romanprojekt bleibt mir nur mein eigenes Leben.

aus: Thomas Wollinger: herausgeschnitten

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8. August 2010

Lieber Blog, hilf mir, dass ich in das Gefühl “Schuld”…

… hinein finde, dass ich die rechte Schreibhaltung finde, für das, was nun kommt.

Blog: Gerne helfe ich dir. Sag, was kommt denn Timon in den Sinn, wenn er an “Schuld” denkt?

Autor: Dass er ein Buch einmal nicht zurückgegeben hat und dass das schon 1993 war und er sich immer wieder daran erinnerte und dass das wohl nie aus seinem Kopf gehen wird. Ein dummes Beispiel, das weiß er auch…

Blog: Und warum ausgerechnet die Erinnerung an dieses Buch? Warum fühlt er sich nicht schuldig, weil er Sonntagszeitungen stiehlt?

Autor: Weil es mit Vertrauen zu tun hat – weil er versprochen hatte, dass er das Buch ganz sicher zurückgeben würde. Das Buch tut ihm immer noch weh.

Blog: Hat er das Buch noch?

Autor: Ja.

Blog: Er kann es ja zurückgeben.

Autor: Nein, sonst würde er seine Schuld offen eingestehen.

Blog: Schuld und Vertrauen gehören für Timon zusammen?

Autor: Und Versagen. Er ist schuldig, weil er Erwartungen nicht erfüllt hat.

Blog: Und woher kommen die Erwartungen?

Autor: Na, von den anderen. Aus ihm selbst.

Blog: Timon kann ja sagen: Das mache ich nicht. Zum Beispiel bei Sophie: “Ich will nicht mit dir nach Kronstein ziehen, ich will lieber in Wien weiterleben.”

Autor: Timon macht das nicht. Timon weicht Konflikten aus.

Blog: Du meinst, Timon ist konfliktscheu, bürdet sich stillschweigend Erwartungen auf, die er nicht erfüllen kann/will?

Autor: Eigentlich ja. Und die Erwartungen kommen von seinen Eltern, von seiner Erziehung. Und von seiner Mutter hört er “Männer entziehen sich ihrer Verantwortung” – solches Verhalten verabscheut er, dennoch (oder gerade deshalb) tut er es. Und hasst sich dafür und dieser Hass…

Blog: Ja! Es wird! Weiter!

Autor: … und dieser Hass entlädt sich dann auf einen anderen Menschen (Marx). Auf einen, der ihn auf diesen wunden Punkt hinweist. Wobei dieser Marx vielleicht durch seine bloße Art Timon reizt, nicht so sehr durch das, was er tut. – Zum Beispiel, wenn Timon meint, Marx hätte seine Frau im Stich gelassen? Und wenn Marx Timons Verhalten spiegelt? Wir wissen ja, dass man auf das am stärksten reagiert, was man von sich selbst beim Gegenüber erkennt.

Blog: Ich glaube, du hast es.

Autor: Ich danke für dieses Gespräch, lieber Blog.

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7. August 2010

Das Motto zum heuten Schreibtag lautet … Schuld!

… also zur Abwechslung mal was Fröhliches :-)

Ich widme mich heute dem Thema, weshalb Timon ausrastet und Marx niederschlägt. Hauptsächlich ist es sein Gefühl, schuldig zu sein, zweites wird er von Marx laufend provoziert und auf diese mögliche Schuld hingewiesen, und drittens – als Anlass quasi – das Bedürfnis, Angelika beschützen zu müssen. Oder so. Oder ganz anders.

Und außerdem werde ich heute laufen gehen (auch Autoren sollten sich bewegen).

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6. August 2010

Wie fühlt man sich, nachdem man jemanden krankenhausreif geschlagen hat? (Teil 2)

Habe mit ein paar Leuten darüber geredet. So einfach ist das alles nicht. Es gibt wohl folgende Tätertypen:
I. die Rotseher (sie rasten aus und können sich an die Tat nicht mehr erinnern)
II. die Choleriker (die bei Kleinigkeiten aufbrausen) und
III. die, bei denen es lange braucht, bis ihre innere Schwelle überschritten ist.

Die Frage, die mir entgegen geworfen wurde, lautete: »Was muss passieren, damit du – ja, genau du, Thomas! – jemanden niederschlägst?« Mir ist der Gedanke zuwider. An meine Schulzeit denkend bin ich wohl Typ III, und so auch Timon. Das bedeutet literarische Vorarbeit. Timon muss von dem Menschen, den er niederschlägt, intensiv gereizt werden. Mit Themen, die Timon ins Mark gehen.

Wie wäre es mit Schuld? Das ist schon bisher ein Thema Themen gewesen: Er war nicht in Kronstein gewesen, als Sophie umkam. Weil er sich dagegen spreizte, aus Wien fortzuziehen. Sophie gegenüber hatte er das nie ausgesprochen, aber er hatte die Übersiedlung hinausgezögert, soweit es ging. Erst bei der Geburt wollte er übersiedeln – und für die Übersiedlung selbst hatte er keine Vorkehrungen, Planungen getroffen. Je näher der Geburtstermin, desto heftiger klammerte er sich an seine verbleibenden Wiener Tage. Bis Sophie tot war. Dann blieb er in Wien.

Und wenn jetzt jemand kam und Timon mit dieser Schuld konfrontierte? Das könnte zum Beispiel der Journalist Rudolph Marx tun. Er provoziert des Provozierens willen, denn bei verwundeten Menschen – so lautet Marx‘ Methode – kämen die wahren Geschichten ans Tageslicht. Als er von Timon niedergeschlagen wird, hat Marx gewonnen.

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3. August 2010

Wie fühlt man sich, nachdem man jemanden krankenhausreif geschlagen hat? (Teil 1)

Und was dann war – wie lange wird es gedauert haben? Eine Minute? Zwei? Wie lange braucht es, einen Menschen krankenhausreif zu treten? Ich kann mich erinnern. Aber was ich fühlte, Sophie! Bitte hilf mir. Das geht in mein Tiefes. Dort unten, wo es schwarz ist, wo alles zusammengeht: Kronstein und du und dein Museum und ich. Und dass sie dich umbrachten. Dass sie unser Kind töteten. Dass sie in mir etwas abrissen. Dass dieses Arschloch von Mörder immer noch lebte und dass er dich leiden hatte lassen. Und dass im großen Violanum keiner etwas unternommen hatte, dass irgendwer es doch hätte wissen müssen. Und dass auch ich es nicht gesehen hatte – ich hätte es wissen müssen, spüren müssen, ich hätte es riechen können wenn ich riechen könnte, und jeder Tritt forderte einen weiteren Tritt heraus, denn nach jedem Tritt war er immer noch da, stöhnte, hob die Unterarme, bis ich etwas an meinem Oberarm spürte. Eine Hand. Angelika. Sie flüsterte: »Bitte. Töte ihn nicht.«

So weit so gut. Und nun?

Wie geht es in Timons Innerem weiter? Wie komme ich an solche Emotionen heran? – Aus dem Autobiografischen schöpfen! – Wie denn, ich habe nie jemanden so geschlagen. – Alles, was du brauchst, steckt in dir. Du musst dich nur stellen. – Wie denn? Ich würde das, was Timon getan hat, niemals tun. – Timon auch nicht. Thomas, denk an deine Schulzeit, an diese dunkle Epoche- Was war da? – Das war doch nicht zu vergleichen! – Aber die Versatzstücke, Thomas! Angst, Wut, Verzweiflung, erinnerst du dich? – Nein. – Dann schau genau dort hin! Weiche nicht aus, das würden deine Texte sofort spüren. Du musst schürfen, viel Geröll wegmachen, bist du zu den Emotionssedimenten vordringst, aus denen du am Ende Timon gewinnst.

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30. Juli 2010

Ist ein Schweineherz kitschig?

Angelika (13) lässt sich von einem Freund (dessen Eltern eine Fleischerei haben) ein Schweineherz schenken.

Bei ihr dreht sich in den letzten Monaten alles um ihr Herz, um Leben und Transplanation. Sie kennt Abbildungen, Videos, Meinungen, Befunde. Timon wiederum hat ihr gesagt, dass er etwas erst dann wirklich begreift, wenn er es angegriffen, berührt hat. Timon ist ein haptischer Mensch, der ohne Geruchssinn auf die Welt gekommen ist.

Darum will Angelika das Herz berühren. Be–greifen. Und Schweineherzen, so hört man, sind Menschenherzen sehr, sehr ähnlich.

Nun: ist das kitschig? Was mir in diesem Zusammenhang hilft, ist GRAUKO. Auf die Kitschgefahr angesprochen, sagte Isolde einmal zu mir: „Schreib nur drauflos, Thomas. Wenn etwas kitschig ist, kürzen wir es dir schon.” – Und die anderen GRAUKO-Mitglieder nickten beipflichtend.

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16. Juli 2010

Auf der Suche nach Elisabeth H., Leiterin des Violanums

Noch spüre ich dich nicht. Was geht dir vor? Für deinen Vater warst du zu störrisch, zu schwach. Zu schöngeistig, nicht hart genug – nicht geeignet, das Hospital zu leiten. Dann wurdest du schwanger. Zwillinge. Vor deinen Augen hat man den Kindsvater erschossen – du hast ihn reanimiert, bis seine Rippen knackten. Nun warst du alleine. Mit zwei Töchtern.

Dein Vater liebte deine Töchter – sie durften alles, sie hatten die Kindheit, die dir verwehrt war. Und die eine, Isabella, die hatte dein Vater als Nachfolgerin auserkoren. Du? Ein Krankenhaus leiten? Niemals! Isabella sollte es übernehmen. Mit 21. Doch dein Vater wurde nicht alt genug, um das zu erleben. Und seither leitest du das älteste und reichste Spital Österreichs.

Nun bist du sechzig. Isabella hasst dich. Weil du ihr immer noch nicht Platz gemacht hast. Weil du dich immer noch dem letzten Willen deines Vaters widersetzt.

Was, Elisabeth, geht in dir vor? Du hast einen großen Plan. Den spüre ich in dir aufkeimen.

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30. Juni 2010

Ich habe es geschafft.

Am Freitag beginnt das jährliche GRAUKO-Wochenende in Stillfried (wieder so eine Tradition von uns Literaten). Im März setzte ich mir als Ziel, das erste Drittel des Romans bei diesem Treffen kritikbereit zu haben. Damals schätzte ich, dass das wohl einen Umfang von 170 Buchseiten haben würde. Aber damals ahnte ich noch nicht, dass ich mit der damals vorliegenden, 6. Fassung nicht so weit kommen würde.

Heute ist es soweit. Ich habe wochenlang Texte umgearbeitet oder neu geschrieben – galt es doch, aus der 6. Fassung die 7. Fassung zu machen.

Auslöser für diese Arbeit war eine massive Krise Anfang Mai. Zu jenem Zeitpunkt deckte die 6. Fassung inhaltlich bereits erste Romandrittel ab und umfasste etwa 300.000 Zeichen, also etwa 190 Buchseiten. Der größte Kritikpunkt: zu dicht, zu knapp, zu distanziert geschrieben. Mein Roman brauchte also eine neue Sprache.

Von der 7. Fassung liegen nun in etwa 230 Buchseiten vor (375.000 Zeichen inklusive Leerzeichen) – und das, obwohl dieser Text das erste Romandrittel noch gar nicht inhaltlich vollständig abgedeckt – sprich, es ist noch nicht alles verarbeitet, was bereits in der 6. Fassung vorliegt. Ein gutes Zeichen, das Volumen des Romans wächst von seiner inneren Struktur heraus, und nicht, weil ich Dinge von außen anfüge.

Meine Produktivität (gemessen an getippten Zeichen) ist enorm. Ich hatte die 7. Fassung am 10. Mai begonnen und wohl an die 100 Buchseiten völlig neu getippt. Das zeigt mir: wenn mir Handlung, Personen und Topografie völlig klar sind, gibt es kein Halten mehr.

Der große methodische Unterschied zur 6. Fassung ist, dass ich mich selbst autobiografisch ausschlachte, wo immer ich Details für meinen Protagonisten brauche. Das bringt massive Erleichterung und Geschwindigkeit für meine Arbeit.

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28. Juni 2010

Eine Stadt erschaffen

Mein heutiges Schreibgefühl war: Es eröffnen sich mir Räume mit unglaublicher Reichhaltigkeit. Räume, die zuvor noch nie ein Mensch betreten hat. Weil die Gemäuer, die Straßen, ja diese gesamte Stadt vor mir noch nicht existiert haben.

Und mit jeder Fassung des Geschriebenen schärft sich mein Blick auf diese Welt. Was am Anfang völlig unklar war, erzähle ich jetzt mit beiläufiger Leichtigkeit und ohne Widersprüche, denn die Zusammenhänge sind für mich selbstverständlich geworden. Ich bewege mich auf den Straßen mit einer Vertrautheit, wäre das meine Heimat – und diese Stadt ist meine Heimat geworden in all den Jahren, die mich dieses Romanprojekt begleitet.

Habe ich die Stadt erschaffen oder war sie immer schon da, bloß ich war noch zu blind, um sie zu sehen?

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21. Juni 2010

Partyszenario

Geht ein Autor auf eine Party, hat er sich auf folgendes Szenario einzustellen:

Mensch: Ich habe gehört, du schreibst.

Autor: Ja.

Mensch: Was denn?

Autor: Einen Roman.

Mensch: Und worum geht es?

Das ist ein guter Test, ob der Autor dem Wesen seines Romans schon so nahe ist, als dass er es innerhalb der durchschnittlichen Aufmerksamkeitsspanne eines durchschnittlichen Partybesuchers vermitteln kann (Siehe auch Artikel zum Thema Inhaltsangabe). Bei mir war es letztens folgendermaßen:

Autor: Die Geschichte handelt von einem Krankenhaus, das vierhundert Jahre alt ist. Es wurde im 30jährigen Krieg von einem sehr reichen Söldnerführer gegründet. Für eine Frau, die er sehr geliebt hat. Diese Frau war eine Art Krankenschwester, und sie hatte den Mann gesund gepflegt. Er wollte sie heiraten, aber sie lehnte ab. Denn er ist einer, der vom Krieg profitiert und den Krieg schürt. Also, was tut man in so einer Situation, wenn einem eine Frau zurückweist?

Mensch: (schaut)

Autor: Richtig! Man baut ihr ein Krankenhaus. Damit sie es leitet. Und das geht auch einige Jahre gut. Doch dann, 1645, kamen die Schweden und plünderten alles und Viola – so hieß die Frau – war seither verschwunden. Der Mann blieb alleine zurück, und in seinen letzten Lebensjahrzehnten sorgte er mit einer Stiftung dafür, dass dieses Krankenhaus die Generationen überstehen würde.

Mensch: (nippt Alkohol)

Autor: Der Roman beginnt damit, dass eine schwangere Archäologin das Skelett der verschollenen Krankenhausgründerin findet. Und ermordet wird. Ihr Freund und Vater des Kindes kommt in den Ort, um für sich herauszufinden, was passiert ist. Um mit seinem Verlust klar zu kommen. So verstrickt er sich immer mehr in eine Geschichte, die von vierhundert Jahren begonnen hatte.

Mensch: Das ist ja wie ein Hollywoodfilm …

Autor: Äh, ja. Hmm.

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12. Mai 2010

Mein neues Paradigma: Autobiografisch

Das Resultat meiner letzten Krise ist, dass ich anders an meinen Roman herangehe: Ich werde radikal autobiografisch. Nicht, weil mein Leben so toll ist, sondern weil ich mir das Schreiben erleichtern muss, um vorwärts zu kommen.

Je mehr ich frei erfinden muss, umso anstrengender ist es, die Zusammenhänge schlüssig zu halten. Nein, die Handlung bleibt gleich. Es geht vielmehr um die Gestaltung der Personen und ihrer Hintergründe. Insbesondere des Protagonisten Timon. Während alle anderen Personen griffig waren, war Timon bisher emotional so unklar.

Ein Beispiel: Timon hat eine Ursprungsfamilie. Die kommt zwar nicht oft vor, aber sie ist da. Und Timons Wesen wird von seiner Familie geprägt, na klar, wie bei jedem von uns. Also: Wer ist sein Vater, wie ist seine Mutter? Weglassen kann ich sie nicht, zumindest ich als Autor muss das grobe Umfeld kennen, in dem Timon aufgewachsen ist. Da kann ich doch gleich meine Familie hernehmen! Die kenne ich, es ist keine schlechte Familie, und es geht ja auch nicht hauptsächlich um sie. Ebenso Alter und beruflicher Werdegang des Timon. Sein Job als Informatiker. Seine Wohnung. Und so weiter.

Weiteres Beispiel: Wie sollte Timon seiner Sophie, einer Archäologin, begegnet sein? Mich an mein autobiographisches Paradigma haltend ist es es sonnenklar: Timon ist auch Romanautor. Sein erster Roman heißt “Die Archäologin”, und bei seinen Arbeiten zum Nachfolgeroman recherchiert er in den Büros der Anthropologie im Naturhistorischen Museum. – Und somit wieder etwas, was ich kaum erfinden muss. Ich ergänze es um ein wenig Dazuerfundenes: Dort begegnet ihm Sophie, die ja schließlich Archäologin ist und sich quasi aus beruflicher Notwendigkeit dort bewegt. Nebeneffekt: Timon und Sophie haben das Interesse für Archäologie gemein, als Startpunkt der Beziehung.

Das heißt, Wesenszüge und Vergangenheit meines Timons sind meine, außer, die Handlung schreibt ausdrücklich etwas anderes vor. Im Zweifel wird Autobiografisches genutzt.

Die Romanhandlung bleibt wie sie ist. Auch die Romanpersonen bleiben. Durch das Nutzen meiner Biographie ergibt sich Schlüssigkeit und Glaubwürdigkeit von selbst. Ich reduziere die Komplexität und gewinne an Geschwindigkeit.

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21. März 2010

Meine Beobachtung greift ein.

Mein Roman ist ein System. Es besteht aus meinen Romanpersonen und aus mir selbst. Ich bin Teil, und alle Teile sind eng miteinander verwoben.

Weil alles so verwoben ist, gilt der Beobachtereffekt – analog zu dem, den Schrödinger für die Physik identifiziert hat: Meine Beobachtungen sind zwangsläufig mit einer Störung des Beobachteten verbunden. Meine Beobachtung schafft Realität. Meine Beobachtung greift ein.

Weshalb ist das wichtig für mein Schreiben? Um beispielsweise meine Widerstände zu verstehen. Um mit ihnen umzugehen. Wenn ich eine Szene nicht schreiben will, dann liegt es wohl an meiner Beziehung zu dem, was in dieser Szene vorkommt. Eine Romanperson etwa, mit der ich (als Autor höchstpersönlich) nicht kann. Vielleicht berührt diese Person irgendein wundes Thema in mir. Andererseits kann mein Dialog mit den Romanpersonen Erkenntnisse bringen. Auch über mich. Ich bemühe mich, alle meine Romanperson zu verstehen. Ich helfe mir, indem ich Eigenschaften von mir heranziehe, die ähnlich sind. Ich arbeite mit Analogien aus meinem eigenen Erleben, um zu begreifen.

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7. Februar 2010

Inhaltsangabe oder: Mein Roman in 320 Zeichen

“Ah, du schreibst einem Roman. Interessant. Worum geht es denn?”

Wenn ich imstande bin, auf diese Frage bündig zu antworten, bin ich mir über das Wesen meines Romans im Klaren. Eine gute Idee zeichnet sich dadurch aus, dass ich sie treffend vermitteln kann – was nicht heißt, dass es mir leicht fällt, sie treffend zu vermitteln (“Simple but not easy”).

Hier nun meine Antwort im Format einer doppelten SMS:

Im Zentrum des Romans steht ein jahrhundertealtes Krankenhaus. Seine mythische Gründerin Viola ist seit dem 30jährigen Krieg verschollen. Jahrhunderte später entdeckt eine junge, schwangere Archäologin Violas Skelett – daraufhin wird sie ermordet. Nun kommt ihr Freund in die Stadt, um mit dem Verlust fertig zu werden.

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8. Oktober 2009

Gehe davon aus, es ist einfach!

Ich weiß nicht, was ich als nächstes schreiben soll. Kann nicht sitzen. Gehe ich auf und ab. Führe Selbstgespräche. Schalte die Musik ab, damit sie meine Gespräche nicht stört. Schon seit Tagen keinen frischen Absatz geschrieben, bloß überarbeitet, bloß recherchiert. Jetzt ist der Punkt gekommen. Jetzt muss ich mich stellen.

Ich muss die Frage beantworten: Wo lebt Angelika?

Klingt trivial. Doch so diese kleine, hinterhältige Frage öffnet eine Schranktür, und alles Mögliche fällt mir auf den Kopf. Das habe ich geahnt. Seit Wochen. Und so bin vor besagtem Schrank gesessen –jetzt noch nicht öffnen! Zuerst noch andere Textstellen. Und recherchieren. Ja, Recherchieren ist die professionellste Möglichkeit des Autors, sich dem Wesentlichen nicht zu stellen!

Mindmap mit den Personen meines Romans

Mindmap mit den Personen meines Romans

Hier die Ausgangslage (siehe Mindmap):

1) Angelika, 13. Kaputter Herzmuskel. Braucht neues Herz. Lehnt die Transplantation ab, weil schon zu viel schlimmes durchgemacht (Chemo mit 6, Herzschrittmacher) und nicht mehr ins Krankenhaus will. Sie ist leicht erschöpft. Lebenserwartung 6 Monate.

2) Dagmar, Angelikas Mutter.

3) Dorian, 6 Monate alt, Pflegekind von Dagmar.

4)Karl, Vater von Angelika.

5) Vater und Mutter sind seit Jahren geschieden. Sie kann ihren Exmann physisch nicht mehr ertragen.

5) Das ganze spielt in einer Kleinstadt (Kronstein), die eigentlich hauptsächlich aus einem jahrhundertealtem Krankenhaus besteht. Ach ja:

Die Möglichkeiten, wo Angelia leben könnte:

1) Im Kinderhospiz des Krankenhauses

2) Bei Mutter

3) Bei Vater

Das stationäre Kinderhospiz ist eine Erfindung, die mir sehr am Herzen liegt (Kill-All–Darlings?). In Österreich gibt es nicht keines, und damit könnte ich meinem fiktiven Krankenhaus eine herausragende Rolle verleihen. Doch weshalb soll ein Kind dorthin gehen? Krank ist Angelika, aber sie hängt an keiner Maschine. Sie braucht Betreuung, primär, weil ihr schnell die Luft ausgeht. Und jemanden, der sie schnell in Krankenhaus bringt, wenn’s ihr schlecht geht. Zudem sagte ich, dass keine Transplantation wollte, eben weil sie nicht wieder im Krankenhaus sein wollte … also, naheliegender: sie ist bei ihrer Mutter. Doch die hat seit 6 Monaten das Pflegekind, das geht auch nicht mehr so wie früher. Und wovon lebt die Mutter? Deshalb also bleibt der Vater. Zu dem will sie ihre Beziehung vertiefen. Doch der ist Polizist und muss auch arbeiten – wer betreut Angelika? Eine Pflegerin, die vorbei kommt? Und: Angelika wird einsam sein, in der kleinen Wohnung des Vaters. Ihre Mutter vermissen. In die Wohnung des Vaters wird sie ganz sicher nicht kommen.

Wie habe ich das gelöst? In dem ich auf die Donauinsel gegangen bin und im Freien mit mir über diese Themen gesprochen habe (Wenn mir Menschen begegnet sind, habe ich zu reden aufgehört – ich will mich ja nicht gleich als Autor outen). Nach ein paar Stunden habe ich mir gesagt:

Gehe davon aus, es ist einfach. Geh davon aus, die Personen machen das Naheliegende. Das, wonach ihnen ist.

Mache dein literarisches Problem zum menschlichen Problem deiner Personen.

Ist es denn mein Problem, wo Angelika am wohnen soll? Nein! Es ist ihr Problem. Darum macht sie im Roman die Tour durch, von einem zum anderen, unzufrieden mit sich selbst (zuerst bei Mutter, dann bei Vater, zurück zu Mutter, dann ins Krankenhaus, woraufhin dort ein Kinderhospiz eingerichtet wird mit ihr als erster Patientin). Konflikte treten auf – gut so! Denn Konflikte sind ein treffsicheres Instrument. Um Persönlichkeiten und das soziale Umfeld auf emotionale Art und Weise zu transportieren.

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