Artikel zum Schlagwort “Recherche”

15. August 2010

Ertappt: meinen fiktiven Ortsnamen gibt’s doch

Und ich dachte, “Kronstein”, das geografische Zentrum meines Romans, sei meine Erfindung… nun, Anni Bürkl hat mich eines besseren belehrt, danke! Da werde ich mir nun anderen Namen überlegen müssen, Schad, hab mich schon an ihn gewöhnt. :-)

Das kommt davon, dass ich nicht gut recherchiert habe…


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Hab mich nun für “Friedstatt” entschieden. (In Anlehnung an Wallensteins Friedland – schließlich wurde das Krankenhaus in meinem Roman 1637 von einem Offizier und Mörder Wallensteins gestiftet, finanziert aus dem Vermögen des Ermordeten.)

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4. März 2010

Drei Jahre lang Frühling

Seit 2007 schreibe ich meinem Roman. Die Geschichte beginnt im Frühling, rund um die Marillenblüte. Die Wachau wirkt noch recht winterlich, obwohl es an manchen Tagen recht warm ist und die Sonne ganz schön zu blenden vermag.

Ich habe etliche Wanderungen rund um Dürnstein gemacht (der Ort ist das Vorbild für mein fiktives Kronstein). Ich habe hunderte Fotos geschossen: Kirche, Straßen, Häuerfronten, Ausblicke, Waldwege. Auch Baumpilze und den Aushang des Tennisklubs von Dürnstein. Langweilige Fotos, aber kein Detail darf mir entgleiten. Für denn Fall, dass ich mir daheim beim Schreiben Fragen stelle, wie zum Beispiel: Aus wie vielen Brettern sind die alten Tore gezimmert? Wie sieht die Fassade der barocken Gebäude aus? Wie ist der Weg beschaffen, der zur Ruine führt? Wie sehen die Terrassen der Weingärten aus?

Ich habe auch Wälder und Hügel fotografiert, in Tagesabständen, um die Geschwindigkeit des Frühlings zu vermessen. Damit ich alles parat habe. Für die Winternächte, an denen ich Frühlingsszenen schreibe.

Deshalb also lebe ich seit 2007 im Frühling. Ich rechne damit, dass ich diesen Herbst den Sommer erreichen werde. Der dann ein Jahr andauern wird.

Hier ein paar Dürnsteiner Recherche-Fotos vom 1. April 2009: (Hier weiterlesen)

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2. Februar 2010

Das Sterben recherchieren oder: Ganz nahe am Leben

Palliativsymposium - Reigentanz

Reigentanz

Dieses Foto ist auf dem Symposium im März 2009 entstanden. Thema war Palliativpflege von Kindern und Jugendlichen. Das Foto entstand, als uns Veronika Wartmann einen Reigentanz zeigte – Tanz als Bewältigung von Trauer. Wie man sieht, war ich der einzige männliche Teilnehmer – die anderen waren Krankenschwestern.

(Ich hatte schon vorher Tote gesehen – in gerichtsmedizinischen Vorlesungen: Selbstmörder, Verbrennungsopfer, Mordopfer, mumifizierte Leichen. Am Tiefsten der Eindruck eines 12jährigen. Erwürgt, um seiner Großmutter das Sparbuch zu stehlen. Er hatte eine fingerbreite Naht vom Bauch bis zum Hals: so war sein Körper nach der Obduktion geschlossen worden.)

Auf dem Symposium dann diese Fotos. Von einem toten Baby. Seine Eltern, die es zum letzten Mal waschen. Die Mutter, so wurde uns erzählt, stieß versehentlich sein Köpfchen gegen den Beckenrand und sagte “Entschuldige”.

Das Symposium trug den Titel: “Wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben.”

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25. Januar 2010

Ein Herz oder: Was mir beim Recherchieren so begegnet

Patient mit Berlin Heart

Berlin Heart

Das Berlin Heart ist ein Apparat, der wie ein Herz funktioniert und ein Überleben bis zur Transplanation ermöglicht.

Dabei ragen dem Patienten 4 dicke Schläuche aus dem Bauch – wochenlang, monatelang, bis ein passendes Spenderherz verfügbar ist. Mobilität ist insofern gegeben, als man den Apparat auf Rollen herumschieben kann.

Eine Innsbrucker Krankenschwester gab mir ihre Diplomarbeit über das Berlin Heart (Danke!). Der junge Patient auf dem Foto meinte: “Nicht jeder hat ein Herz, auf das man sich lehnen kann!”

Angelika in meinem Roman wird kein Berlin Heart benötigen, ihr Herz geht nicht so schnell kaputt.

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13. Januar 2010

Mein Schreiben ist Wendeltreppe

Weitgefächert sind die Folgen meiner Recherche in Innsbruck:  Die Krankengeschichte der 12jährigen Angelika werde ich vereinfachen, sie wird nun doch noch in die Schule gehen können. Vor allen anderen ahnt sie, dass sie der Tod bei seinem zweiten Anlauf erwischen wird (Sie hatte eine Chemotherapie als Vierjährige, und nun treten die Herzprobleme auf, wegen Rubidomyzin – ein Chemotherapeutikum, das man wegen ebendieser Nebenwirkung seit 2000 nicht mehr einsetzt).

Die größte Änderung: Angelika trifft ihre Entscheidung gegen die rettende Herztransplantation (HTX) im Beisein meines Protagonisten (im Unterscheid zu früheren Fassungen, wo sie sich schon vor Romanbeginn kundgetan hatte).

Resultierende Arbeiten:  Alle Textstellen adaptieren, in denen Angelika vorkommt. Weitere Textstellen schreiben, in denen der Protagonist das Ringen der Familie um Angelika erlebt. (WOW! Das ist spannend für mich.)

Also zurück an den Start?

Nein! Vielmehr bin ich die Wendeltreppe ein ganzes Stockwerk höher gestiegen. Wer eine Wendeltreppe bloß im Grundriss kennt, für den ist natürlich ein Im–Kreis–Gehen. Für mich ist es ein Turm. Ein hoher Turm. Wenn ich wieder einmal an einer Fensternische stehenbleibe und hinaussehe, ist die Landschaft draußen eine Spur weiter geworden, und ich sehe Dinge, wie sie nur wenigen Menschen zu sehen vergönnt sind.

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12. Januar 2010

Mit ganzem Herzen oder: Recherche in Innsbruck (2)

Ich stand noch unter dem Eindruck meines Gesprächs mit Prof. H., als mich M. mit ihrem Auto abholte. Sie Krankenschwester. Ich hatte M. auf einem Kongress im Februar 2009 kennen gelernt, wo es um die Pflege sterbender Kinder ging. M. war diejenige, die mich mit Prof. H. bekanntgemacht hatte. Wir fuhren zu S., einer Arbeitskollegin von M.

Als wir einen Tunnel durchquerten, sagte ich: »Verkehrstote sind wichtig.«
»Wie meinst du das?«
»Für die Transplantationspatienten. Damit sie ihre Herzen und Nieren und Lebern bekommen.«
M. lachte auf und sagte, so hatte sie es noch nie gesehen.

Wir trafen S. in einem Restaurant – mein erstes persönliches Zusammenkommen mit ihr. Wir hatten zuvor telefoniert und gemailt. Im Alter von zehn Jahren war sie Patientin von Prof. H. gewesen. Seit neun Jahren hat sie ein Spenderherz.

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11. Januar 2010

Mit ganzem Herzen oder: Recherche in Innsbruck (1)

Ich fuhr nach Innsbruck, um zum Thema Herztransplantation (HTX) zu recherchieren. Am Tag nach meiner Ankunft traf ich H. Er war Universitätsprofessor, Spezialist für Herzerkrankungen bei Kindern. Wir besprachen die Krankengeschichte meiner 12jährigen Romanperson Angelika (Sie hatte als Vierjährige Leukämie. Das Chemotherapeutikum Rubidomyzin schädigte ihren Herzmuskel. Eine HTX ist unausweichlich, will sie langfristig überleben.)

Wir sprachen über schwerkranke und sterbende Kinder. Wie wichtig es ist, dass alle beteiligen denselben Informationsstand haben. Dass Kinder weit mehr verstehen, als Erwachsene glauben. Dass man den Kindern nichts vormachen kann – wie es um sie steht, lesen sie in den Gesichtern von Ärzten und Pflegepersonal. Dass Kinder das Atmosphärische wahrnehmen, dass sie aufpassen wie die Haftelmacher. Und wie sehr es eine Familie zusammenschweißt, wenn sie offen über alles reden kann.

Meine Notizen von Gespräch mit Prof. H.

Meine Notizen von Gespräch mit Prof. H.

Wir redeten über die »Life Time Curve« – also die Wahrscheinlichkeit, mit dem neuen Herzen ein bestimmtes Alter zu erreichen. Ein Sterben wegen verweigerter HTX ist ein schwerer Weg, aber auch eine HTX und das Leben danach ist ein schwerer Weg.

H. sagte, man kann eine HTX nicht gegen den Willen eines Kindes durchführen (dies ist wichtig für meinen Roman). H. erzählte von einem Kind, das sich bei ihm gegen die HTX gewehrt hatte. Irgendwann erhielt er einen Brief, dass das Kind gestorben war – in einem entfernten Krankenhaus, knapp bevor eine HTX durchgeführt werden sollte. H. telefonierte mit der Mutter. Sie sagte, ihr Kind hatte ihrem Drängen nachgegeben. Knapp vor der Operation starb es, plötzlich. Die Mutter sagte: »So hatte mein Kind am Ende doch noch seinen Willen durchgesetzt.«

Am Ende bot mir Prof. H. weitere Unterstützung an, sogar medizinische Teile meines Romans würde er gern korrekturlesen.

Unser Gespräch dauerte zwei Stunden. Danach war ich erschöpft.

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