Artikel zum Schlagwort “Schreibprozess”

6. September 2010

Hier steht, warum keiner so arbeiten soll wie ich

Roland B. Tobias: 20 Master Plots and how to build them, Seite 31

Roland B. Tobias: 20 Master Plots and how to build them, Seite 31

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5. September 2010

Wie ich mit dem Buch “20 Master Plots” arbeite

Ronald B. Tobias: 20 Master Plots And How to Build Them

Das Buch von Ronald B. Tobias ist für mich ein handliches Instrument, um meinem Romanprojekt eine frische Sichtweise zukommen zu lassen und Verbesserungsvorschläge zu erhalten.

Erstens bildete ich meine Romanhandlung in das Schema der Masterplots ab (mit * habe ich die Relevanz bewertet):

Master Plot 1: Quest (Suche) ***

Master Plot 2: Adventure (Abenteuer)

Master Plot 3: Pursuit (Jagd, Verfolgung)

Master Plot 4: Rescue (Rettung)

Master Plot 5: Escape (Flucht)

Master Plot 6: Revenge (Rache)

Master Plot 7: The Riddle (das Rätsel)

Master Plot 8: Rivalry (Rivalität) **

Master Plot 9: Underdog (der Unterdrückte, Unterlegene)

Master Plot 10: Temptation (Versuchung)

Master Plot 11: Metamorphosis (Verwandlung)

Master Plot 12: Transformation (Umformung – der Persönlichkeit, des Charakters) *

Master Plot 13: Maturation (Reif werden)

Master Plot 14: Love (Liebe) *

Master Plot 15: Forbidden Love (Verbotene Liebe)

Master Plot 16: Sacrifce (Opferung)

Master Plot 17: Discovery (Entdeckung – im Sinne von Verstehen, wer man selbst ist)

Master Plot 18: Wretched Excess (erbärmliche Maßlosigkeit)

Master Plot 19 und 20: Ascension and Descension (Aufstieg und Abstieg)

Zweitens schaute ich mit jene Master Plots, die meinen Roman berühren, genauer an:

a) Hauptsächlich ist mein Roman ein „Quest“ (Timon sucht etwas, das ihm hilft, mit dem Verlust seiner Sophie fertig zu werden).

b) Das nächste interessante Master Plot ist „Rivalry“. Timon gerät in eine Stadt, in der zwei rivalisierende Ideologien vorherrschen, wie das Krankenhaus geführt werden soll. Überlegungen rund um diesen Master Plot haben dazu geführt, dass ich – wie berichtet – eine Romanperson entfernt habe, um die Rivalität griffiger zu machen – diese wird nun als Mutter–Tochter–Konflikt ausgetragen.

c) Und es geht um Liebe – die von Timon und der verstorbenen Sophie (da ist einiges noch offen) und die Liebe Timons zu dem Baby.

d) Dann gibt es die Transformation – Timon, der Einzelmensch, der Für–sich–lebende, übernimmt Verantwortung für ein Baby und letztlich für die ganze Stadt.

Ich werde diese Plots in der nächsten Zeit noch wiederholt durcharbeiten, als Unterstützung für die Umstrukturierung wegen der gestrichenen Romanperson und bei der Gestaltung der weiteren Abschnitte.

(Interessant ist übrigens auch, dass ich im Roman instinktiv stets eine Dreiteilung hatte, unbeabsichtigter Weise an Aristoteles und seine Dramaturgietheorie angelehnt (Wird auch in dem Buch behandelt). Derzeit bin ich in etwa im ersten Teil, wobei die beiden weiteren Teile vielleicht nicht so viel Umfang benötigen werden.)

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2. September 2010

Fiktiver Stadtplan

In der Stadt, die ich erfunden habe, muss ich einiges unterbringen, wie zum Beispiel:

  1. mehrere Trakte des Violanums (das Krankenhaus, das 1637 gegründet wurde).
    • Altes Violanum
    • Stephantrakt mit dem Festsaal
    • Das Schloss (=Altersheim)
    • Pflegeschule
    • Verwaltungsgebäude
  2. Stephanus-Kirche (auch Violakirche genannt) samt
    • gotischem Kirchenschiff
    • frühbarocker Violakapelle
    • Grabmal von Viola und Stephan und
    • barockem Kirchturm
  3. Polizeiwache
  4. Die Frühstückspension, in der Timon wohnt
  5. Das Haus von Timons toter Freundin
  6. Das Museum, in dem Sophie umgekommen ist
  7. Den Fundort von Violas Skelett
  8. Freiwillige Feuerwehr (außerhalb der Stadtmauern)

Zudem brauche ich die städtebauliche Vorgeschichte der Stadt – sprich das, was an baulicher Struktur vor der Gründung des Violanums dagewesen war (Beginenhof aus dem 13. Jahrhundert, blauer Umriss). Denn die Stadt, wie sie heute zu sehen ist, ist das Ergebnis des Wiederaufbaus nach der Katastrophe von 1645 (Brandschatzung durch die Schweden). So etwa wurde die Hauptstraße begradigt (der alte Verlauf ist rot dargestellt). Die Grundmauern der alten zerstörten Häuser entlang der alten Hauptstraße bilden die Kellergewölbe der neuen, barocken Gebäude -  hier wird der angeschossene Timon Zuflucht finden. Quasi in der Stadt unter der Stadt.

Seit April 2007 verwende ich dafür einen Stadtplan, damit alles zusammenpasst:
Stadtplan Friedstatt

Wie man unschwer erkennt, fußt diese Topografie auf einem Luftbild der Stadt Dürnstein.

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27. August 2010

Auf, auf zur 8. Fassung!

Das menschliche Denken, Mitte 17. Jh, Kupferstich, Sudhoff-Institut Leipzig, Foto: Kustodie/Karin Kranich

Ich: Gut, Thomas. Hast du also beschlossen, zwei Romanpersonen zusammen zu legen. Hätte dir das nicht auch früher einfallen können?

Ich: Lass das. Du weißt genau, dass ich mich in Spiralen meinen Romanpersonen und der Handlung nähere. Ist eben so.

Ich: Lernst auch nichts dazu, oder?

Ich: …

Ich: Also ran an die Tasten, Thomas! Auf, auf zur 8. Fassung. Zum Glück nicht so schlimm wie der Umstieg von der 6. auf die 7. Die meisten Szenen bleiben gleich. Du weißt, was auf dich zukommt?

Ich: (nicke)

Ich: Mindmaps mit den Personen anpassen. Eine Feste Meinung zum Wesen von Dagmarneu bilden, bevor du weiter tust! Damit wir nicht gleich in die 9. Fassung schlittern, hörst du? Darum: gut überlegen, ja?

Ich: Ja ja.

Ich: Dann die Szenen mit Isabellaalt und Dagmaralt zum Überarbeiten markieren. Eigentlich alles bisher geschriebene durchwassern. Am besten dir eine emotionale Szene aussuchen und mal einsteigen in Dagmarneu.

Ich: Weiß ich eh’.

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13. August 2010

Heute erkannte ich (wieder einmal), wie ich einen Roman schreibe

Ich habe dank des Rückwärtsschreibens der letzten Kapitel wieder etwas gelernt. Einen großen Zusammenhang über mein Schreiben, der – wenn ich genauer darauf geachtet hätte – mir schon vor zehn Jahren auffallen hätte können.

Nehmen wir an, eine Romanfassung ist eine Abfolge von beschriebenen Ereignissen E1 – E2 – E3 – … – EEnde

Früher dachte ich, im großen und ganzen ginge ich folgendermaßen vor:

  1. Ich schreibe E1
  2. Ich schreibe E2
  3. Ich schreibe E3
  4. Ich schreibe E4
  5. und so weiter
  6. und bin irgendwann fertig mit EEnde und somit mit dieser Romanfassung.

In Wirklichkeit ist es so:

  1. Ich schreibe E1
  2. Ich schreibe E2
  3. Ich schreibe E3
  4. Ich stocke im Schreiben. Ich erkenne: ich war zu schnell. Zwischen den Ereignissen E1 und E2 liegt noch so vieles, in das ich emotional hineinsteigen muss.
  5. Ich schreibe E1a
  6. Ich schreibe E1b
  7. Ich betrachte das bisher geschriebene: E1 – E1a – E1b – E2 – E3 und erkenne: da liegt noch einiges dazwischen, bevor ich sonnvoll E4 angehen könnte.
  8. Ich schreibe E1a1
  9. Ich schreibe E1a2
  10. Ich betrachte das bisher geschriebene: E1 – E1a – E1a2 – E1a2 – E1b – E2 – E3
  11. und so weiter
  12. und bin irgendwann fertig mit EEnde und somit mit dieser Romanfassung.

Am Anfang habe ich es eilig, zum Schluss EEnde zu gelangen. Ich hetze. Andererseits kenne ich meine Romanpersonen noch nicht so gut. Dann kommt oft die Kritik, dass ich zu dicht schriebe. Zu viel Handlung, zu viele Referenzen in zu wenig Zeilen. Kein Verweilen für den Leser. Kein Mitleben. Das führt also dazu, dass die als Einstieg geplanten Ereignisse in meinen Roman immer mehr Raum einnehmen, so lange, bis sie den Hauptteil meines Romans ausmachen (so geschehen etwa in der Archäologin).

Interessanterweise sind die eingefügten Stellen wie E1a2 oder E1b die besten (im Sinne, dass sie am meisten Emotionen beim Leser auslösen). Es sind meist Stellen, wo die äußerliche Handlung E1 – E2 – E3 nicht vorangetrieben wird. Aber es sind jene Stellen, wo sich im Inneren der Personen am meisten tut.

(Das Kürzen von Ereignissen und das Umstrukturieren hab ich jetzt hier noch nicht betrachtet.)

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11. August 2010

Weiterschreiben? Rückwärtsschreiben!

Vor einigen Tagen habe ich hier die Frage gestellt: Wie fühlt man sich, nachdem man jemanden krankenhausreif geschlagen hat?

Eine Frage wie bei etwas, das plötzlich passiert, zum Beispiel, ein Apfel fällt Timon auf den Kopf, und ich muss herausfinden, wie er sich nun fühlt.

Es ist schlichtweg die falsche Frage. Denn weit wichtiger ist: Was fühlt Timon vorher? Es muss in irgendetwas Großem drinnenstecken, sonst würde er nicht so etwas tun. Und dieses Große (sein Schuldgefühl) treibt ihn zu Tat an, und nachher ist es ja nicht weg. Nachher, verstärkt durch die Tat, geht es weiter. Timon hat es dann schwarz auf weiß: er trägt in sich die Erbschuld des Mannes schlechthin, nämlich, die Frau im Stich gelassen zu haben. So etwa hatte er sich bis zu Sophies Tod niemals ernsthaft darauf vorbereitet, mit ihr zusammen zu ziehen. Trotz gegensätzlicher Beteuerungen. Wäre sie nicht gestorben, wäre es aufgeflogen. Ein Teil von Timon wollte niemals das bisherige bequeme Leben aufgeben. Der andere Teil Timons war immer bemüht, dieses Versagen bis zur Selbstaufgabe zu kompensieren.

Das Schlimmste: Ein Teil von Timon war erleichtert, als Sophie tot war. Das ist etwas, das muss Timon vor sich selbst verstecken. Er zimmert er sich ein Idealbild der Beziehung zurecht. Aber Timon entkommt sich nicht. Das will ich so schildern, dass es fast zwangsweise zu der Entladung führt.

(Damit muss selbstverständlich die Textstelle, in der Timon auf Marx eintritt, massiv geändert werden.)

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8. August 2010

Lieber Blog, hilf mir, dass ich in das Gefühl “Schuld”…

… hinein finde, dass ich die rechte Schreibhaltung finde, für das, was nun kommt.

Blog: Gerne helfe ich dir. Sag, was kommt denn Timon in den Sinn, wenn er an “Schuld” denkt?

Autor: Dass er ein Buch einmal nicht zurückgegeben hat und dass das schon 1993 war und er sich immer wieder daran erinnerte und dass das wohl nie aus seinem Kopf gehen wird. Ein dummes Beispiel, das weiß er auch…

Blog: Und warum ausgerechnet die Erinnerung an dieses Buch? Warum fühlt er sich nicht schuldig, weil er Sonntagszeitungen stiehlt?

Autor: Weil es mit Vertrauen zu tun hat – weil er versprochen hatte, dass er das Buch ganz sicher zurückgeben würde. Das Buch tut ihm immer noch weh.

Blog: Hat er das Buch noch?

Autor: Ja.

Blog: Er kann es ja zurückgeben.

Autor: Nein, sonst würde er seine Schuld offen eingestehen.

Blog: Schuld und Vertrauen gehören für Timon zusammen?

Autor: Und Versagen. Er ist schuldig, weil er Erwartungen nicht erfüllt hat.

Blog: Und woher kommen die Erwartungen?

Autor: Na, von den anderen. Aus ihm selbst.

Blog: Timon kann ja sagen: Das mache ich nicht. Zum Beispiel bei Sophie: “Ich will nicht mit dir nach Kronstein ziehen, ich will lieber in Wien weiterleben.”

Autor: Timon macht das nicht. Timon weicht Konflikten aus.

Blog: Du meinst, Timon ist konfliktscheu, bürdet sich stillschweigend Erwartungen auf, die er nicht erfüllen kann/will?

Autor: Eigentlich ja. Und die Erwartungen kommen von seinen Eltern, von seiner Erziehung. Und von seiner Mutter hört er “Männer entziehen sich ihrer Verantwortung” – solches Verhalten verabscheut er, dennoch (oder gerade deshalb) tut er es. Und hasst sich dafür und dieser Hass…

Blog: Ja! Es wird! Weiter!

Autor: … und dieser Hass entlädt sich dann auf einen anderen Menschen (Marx). Auf einen, der ihn auf diesen wunden Punkt hinweist. Wobei dieser Marx vielleicht durch seine bloße Art Timon reizt, nicht so sehr durch das, was er tut. – Zum Beispiel, wenn Timon meint, Marx hätte seine Frau im Stich gelassen? Und wenn Marx Timons Verhalten spiegelt? Wir wissen ja, dass man auf das am stärksten reagiert, was man von sich selbst beim Gegenüber erkennt.

Blog: Ich glaube, du hast es.

Autor: Ich danke für dieses Gespräch, lieber Blog.

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6. August 2010

Wie fühlt man sich, nachdem man jemanden krankenhausreif geschlagen hat? (Teil 2)

Habe mit ein paar Leuten darüber geredet. So einfach ist das alles nicht. Es gibt wohl folgende Tätertypen:
I. die Rotseher (sie rasten aus und können sich an die Tat nicht mehr erinnern)
II. die Choleriker (die bei Kleinigkeiten aufbrausen) und
III. die, bei denen es lange braucht, bis ihre innere Schwelle überschritten ist.

Die Frage, die mir entgegen geworfen wurde, lautete: »Was muss passieren, damit du – ja, genau du, Thomas! – jemanden niederschlägst?« Mir ist der Gedanke zuwider. An meine Schulzeit denkend bin ich wohl Typ III, und so auch Timon. Das bedeutet literarische Vorarbeit. Timon muss von dem Menschen, den er niederschlägt, intensiv gereizt werden. Mit Themen, die Timon ins Mark gehen.

Wie wäre es mit Schuld? Das ist schon bisher ein Thema Themen gewesen: Er war nicht in Kronstein gewesen, als Sophie umkam. Weil er sich dagegen spreizte, aus Wien fortzuziehen. Sophie gegenüber hatte er das nie ausgesprochen, aber er hatte die Übersiedlung hinausgezögert, soweit es ging. Erst bei der Geburt wollte er übersiedeln – und für die Übersiedlung selbst hatte er keine Vorkehrungen, Planungen getroffen. Je näher der Geburtstermin, desto heftiger klammerte er sich an seine verbleibenden Wiener Tage. Bis Sophie tot war. Dann blieb er in Wien.

Und wenn jetzt jemand kam und Timon mit dieser Schuld konfrontierte? Das könnte zum Beispiel der Journalist Rudolph Marx tun. Er provoziert des Provozierens willen, denn bei verwundeten Menschen – so lautet Marx‘ Methode – kämen die wahren Geschichten ans Tageslicht. Als er von Timon niedergeschlagen wird, hat Marx gewonnen.

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3. August 2010

Wie fühlt man sich, nachdem man jemanden krankenhausreif geschlagen hat? (Teil 1)

Und was dann war – wie lange wird es gedauert haben? Eine Minute? Zwei? Wie lange braucht es, einen Menschen krankenhausreif zu treten? Ich kann mich erinnern. Aber was ich fühlte, Sophie! Bitte hilf mir. Das geht in mein Tiefes. Dort unten, wo es schwarz ist, wo alles zusammengeht: Kronstein und du und dein Museum und ich. Und dass sie dich umbrachten. Dass sie unser Kind töteten. Dass sie in mir etwas abrissen. Dass dieses Arschloch von Mörder immer noch lebte und dass er dich leiden hatte lassen. Und dass im großen Violanum keiner etwas unternommen hatte, dass irgendwer es doch hätte wissen müssen. Und dass auch ich es nicht gesehen hatte – ich hätte es wissen müssen, spüren müssen, ich hätte es riechen können wenn ich riechen könnte, und jeder Tritt forderte einen weiteren Tritt heraus, denn nach jedem Tritt war er immer noch da, stöhnte, hob die Unterarme, bis ich etwas an meinem Oberarm spürte. Eine Hand. Angelika. Sie flüsterte: »Bitte. Töte ihn nicht.«

So weit so gut. Und nun?

Wie geht es in Timons Innerem weiter? Wie komme ich an solche Emotionen heran? – Aus dem Autobiografischen schöpfen! – Wie denn, ich habe nie jemanden so geschlagen. – Alles, was du brauchst, steckt in dir. Du musst dich nur stellen. – Wie denn? Ich würde das, was Timon getan hat, niemals tun. – Timon auch nicht. Thomas, denk an deine Schulzeit, an diese dunkle Epoche- Was war da? – Das war doch nicht zu vergleichen! – Aber die Versatzstücke, Thomas! Angst, Wut, Verzweiflung, erinnerst du dich? – Nein. – Dann schau genau dort hin! Weiche nicht aus, das würden deine Texte sofort spüren. Du musst schürfen, viel Geröll wegmachen, bist du zu den Emotionssedimenten vordringst, aus denen du am Ende Timon gewinnst.

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2. August 2010

Spannungsbogen? Nur das nicht!

Ein Plot motiviert nicht einmal zum Weiterlesen. Ein Plot hindert den Leser lediglich am Aufhören. Der nicht ganz naheliegende, bei näherem Hinsehen jedoch zwingende Unterschied liegt in Folgendem: Wenn ein Leser weiterlesen möchte, dann liest er weiter, weil ihm das Buch gefällt. Wer hingegen einem Plot folgt, liest nicht deshalb weiter, weil ihn das Buch gerade jetzt, an der Stelle, die er liest, in sich hineinzieht, sondern weil er denkt, daß ihm das Buch gleich, sobald er diese Stelle hinter sich hat, gefallen wird; der Leser bekommt in jeder Zeile suggeriert, daß das Spannendste noch kommt. Die gerade gelesene Stelle erzeugt eine unerträgliche Spannung, der Moment ist nicht erfüllt, muß sich aber erfüllen, wenn die Zeit, die man dafür aufwendet, sich gelohnt haben soll. Der Leser wird durch das Versprechen einer Bedürfnisbefriedigung am Ende der Lektüre bei der Stange gehalten. Nicht weil ihm die Geschichte gefällt, liest er, sondern des Versprechens wegen.

Aus: Jagoda Marinic: Netzhaut

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31. Juli 2010

Das Resumée ist tot. Es lebe der Elevator Pitch!

Eine berühmte Autorenfrage lautet: Wie schreibe ich ein Resumée?

Meine Einstellung dazu: Vergiss es. Du brauchst etwas, das den Lektor/Agenten hinter dem Ofen hervorholt. Einen Elevator Pitch.

Stellen wir uns vor, ich begegne einem Verleger in einem Lift. Ich habe ein paar Stockwerke Zeit, ihn zu überzeugen, mein Manuskript zu lesen – was sage ich ihm? (Oder meine ich, die Handlung meines Romans ist so vielschichtig, der kann ich in wenigen Worten nicht gerecht werden, und wir beide stehen also schweigend nebeneinander, bis der Verleger endlich aussteigt und ich mir nicht mehr überlegen muss, ob ich etwas sagen sollte?)

Eine E–Mail bietet heutzutage nicht mehr Chance als eine gemeinsame Liftfahrt:

Ich wache auf, wenn ich eine Mail von einer Autorin bekomme, die darauf verzichtet, mir Gebrauchs– und Interpretationsanweisungen für ihr Manuskript und ihr Leben anzubieten. Die stattdessen das Konzentrat ihrer Geschichte in 5 bis 10 Sätzen so dosiert, dass jeder davon unverzichtbar ist. Und die seltene Begierde erwecken, davon noch 1000 bis 10000 Sätze mehr lesen zu wollen.

(Christine Koschmieder, Literaturagentin, in: Angela Leinen: Wie man den Bachmannpreis gewinnt Seite 112)

Ein Elevator Pitch ist schwierig. Er gelingt mir nicht beim ersten Mal. Auch nicht beim fünften Mal. Er ist der Prüfstein meiner Idee. Ob meine Idee trägt. Denn eine gute Idee lässt sich kurz und bündig vermitteln (was nicht heißt, dass alles, was bündig formulierbar ist, eine gute Idee darstellt). Ist der Elevator Pitch nicht mitreißend, kann das daran liegen, dass ich noch kein gutes Konzept meines Romans habe, dass ich das Wesentliche noch nicht spüre.

Ich teste meinen Elevator Pitch laufend bei Menschen, die mich noch nicht kennen und die mir mit den üblichen Fragen kommen (Und was machst du so? – Ich schreibe Romane. – Und was für Romane?). Wenn ich nachher mit geweiteten Augen angeschaut werde, wenn ich ein Das–Ist–Aber–Spannend höre, dann habe ich gewonnen. Wenn ich hingegen Fragen oder Zweifel sehe, dann habe ich ebenfalls gewonnen – nämlich die Chance, meinen Zugang zum Roman zu verbessern.

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30. Juli 2010

Ist ein Schweineherz kitschig?

Angelika (13) lässt sich von einem Freund (dessen Eltern eine Fleischerei haben) ein Schweineherz schenken.

Bei ihr dreht sich in den letzten Monaten alles um ihr Herz, um Leben und Transplanation. Sie kennt Abbildungen, Videos, Meinungen, Befunde. Timon wiederum hat ihr gesagt, dass er etwas erst dann wirklich begreift, wenn er es angegriffen, berührt hat. Timon ist ein haptischer Mensch, der ohne Geruchssinn auf die Welt gekommen ist.

Darum will Angelika das Herz berühren. Be–greifen. Und Schweineherzen, so hört man, sind Menschenherzen sehr, sehr ähnlich.

Nun: ist das kitschig? Was mir in diesem Zusammenhang hilft, ist GRAUKO. Auf die Kitschgefahr angesprochen, sagte Isolde einmal zu mir: „Schreib nur drauflos, Thomas. Wenn etwas kitschig ist, kürzen wir es dir schon.” – Und die anderen GRAUKO-Mitglieder nickten beipflichtend.

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29. Juli 2010

Kitsch – Das soll was sein, ist aber nichts

„Kitsch ist die Darstellung von etwas Großem mit unzureichenden Mitteln. [...] Kitsch bedeutet vor allem ein Zuviel: Das Zuviel an Gefühl in der Metaphorik, das gesucht Altertümelnde in der Wortwahl, als einschmeichelnde Seligkeit oder das Vorspiegeln einer real unerlebbaren Emotion. [...] Kitsch benutzt Klischees. Gut dressiert wissen wir, dass unter weißen Haaren reiche Lebenserfahrung steckt, der Obdachlose ein großes Herz hat und Kinder immer die Wahrheit sagen. Dass die meisten auf diese Reize so gut dressiert sind, spart dem Autor und den Lesern Zeit und lästiges Nachdenken.“ (Angela Leinen)

Ich habe es an mir erlebt, wie gut es funktioniert. Wie ich ausgeliefert vor dem Fernseher hocke, das Schiff eben versunken, und das Mädel liegt auf dem herumdümpelnden Klavier. Der junge Mann, den sie liebt, schwimmt, weil es auf einem schwimmenden Klavier eben keinen Platz für zwei gibt. Er sagt ihr, dass alles gut werden wird, und sein Hauch gefriert in der eiskalten Luft. Dann ist er tot. Mir kommen die Tränen – da nützt es gar nichts, dass ich die Register benennen kann, die James Cameron an mir gezogen hat: junger Mann liebt junge Frau, junge Frau soll anderen Mann heiraten, junger Mann ist arm, junge Frau ist aus reicher Familie, und so weiter. Alle Versatzstücke schon tausendmal dagewesen, der Film erspart mir weiteres Nachdenken, ich spüre gleich, woran ich bin. Aber weil es funktioniert mit den Gefühlen, gelten Titanic und Avatar nicht als Kitsch. – Das soll was sein, und es ist etwas.

(Die Zitate stammen von Angela Leinen: Wie man den Bachmannpreis gewinnt, Seiten 53/54)

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27. Juli 2010

Schund, Brainfuck, Kitsch und Experiment

Schund: Text, in dem es der Autor dem Leser zu leicht macht.

Brainfuck: Text, in denen es der Autor dem Leser zu schwer macht.

Kitsch: Text, der mit billigen Lockmitteln versucht, den Leser da abzuholen, wo er steht.

Experiment: Text, bei dem der Autor überhaupt keinen Wert darauf legt, dass der Leser etwas versteht.

(Diese recht praktikablen Literaturrandkategorien stammen von Angela Leinen: Wie man den Bachmannpreis gewinnt, Seite 53)

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18. Juli 2010

Der Moment, an dem ich mit dem Schreiben aufzuhören sollte

Dieser Moment, wenn ich nur mehr stumpf vor dem Laptop hocke. Wenn ich aufstehen sollte. Bewegung machen. Mit dem Kopf in andere Sachen eintauchen. Pause machen. Die Zeit sinnvoll nutzen.

Ich bin wirklich nicht gut darin, diesen Moment zu erkennen. Es liegt wohl daran, dass ich ihn nicht wahrhaben will, stundenlang manchmal.

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7. Juli 2010

Artefakt von einem GRAUKO-Treffen

Während vorgelesen wird, machen wir Zuhörende Notizen für unser anschließendes Feedback. Bei rentsnik wurde diese Mitschrift zum Kunstwerk:

Notizen vom GRAUKO-Treffen 3.7.2010

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